‚Lebens-Zeichen‘ Folge 3


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Fritz   1945 – 2016

Fritz wurde 1945 geboren. Noch im Krieg das Licht der Welt erblickend, verbrachte er eine ganz normale Nachkriegskindheit. Mit gleichaltrigen Freunden zog er durch Leipzigs Straßen und machte sie mit ihnen unsicher. Wie Jungs eben so sind. Ab und zu besuchte er – und das sehr gerne – seinen Großvater in Probstheida, der für ihn interessanterweise eine Schmiede betrieb. Nach dem Abschluss der Schule begann er eine Lehre als Dampflokschlosser, die er nach zwei Jahren erfolgreich beendete. In Engelsdorf arbeitete er in diesem Beruf im Reichsbahn-Ausbesserungswerk, im RAW. Sein großer Traum aber war es, eines Tages ein Lokführer zu sein. Um sich diesen Traum erfüllen zu können, musste er sich nicht nur als sehr guter Schlosser bewähren. Man vertraute ihm vorerst die Tätigkeit als Heizer an. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Berufsbegleitend machte er dann tatsächlich eine Ausbildung zum Dampflokführer. 1967 wurde sein großer Traum Wirklichkeit. In diesem Jahr wurde Fritz Lokführer. Er war erst Triebfahrzeugführer, dann Dampflokführer, dann Diesellokführer. Von 1990 bis1992 fuhr er überwiegend E-Loks. Die Zeit der Dampfloks war ja da schon vorüber und die Sprünge des technischen Fortschritts waren bei der Eisenbahn immens.

Mit seinen Kollegen verstand er sich prima, die Eisenbahner gelten ja auch nach außen hin als so etwas wie eine eigene Gilde. Und natürlich gingen die Kollegen auch gerne mal gemeinsam aus. So geschehen auch 1981, als im Stötteritzer Schreberheim eine Rosenmontagparty stattfand. Dort begegnete Fritz zum ersten Mal seiner künftigen Frau Marion. Marion hatte eigentlich gar keine Lust, an diesem Tag dorthin zu gehen, aber es war eine FDJ-verordnete Veranstaltung und sie wurde, wie einige andere Mädels auch, dorthin delegiert. Für Fritz war es eine Art Betriebsfeier. Die Männer von der Eisenbahn gingen dort sehr gerne mal hin. Vielleicht auch einfach, um mal zu schauen, wen man dort trifft und was dann passiert. Fritz passierte an diesem Tag eben … Marion. Sie machte so einen großen Eindruck auf ihn, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte. Aber Marion ging das eher langsam an. Frau kann ja nie vorsichtig genug sein. Doch Fritz hatte es offensichtlich schon auf den ersten Blick sehr ernst gemeint. Fast jeden Tag holte er Marion mit einer roten Rose von Arbeit ab. Das sacht-freundliche Spötteln seiner Kollegen darüber störte ihn nicht im geringsten. Er blieb standhaft und nach und nach war auch Marion doch schwer beeindruckt und verliebt. Dann ging alles sehr schnell. Bereits im selben Jahr zogen die beiden zusammen. Mit der Hochzeit ließen sie sich dann wiederum Zeit. Marion hatte eigentlich gar nicht vor zu heiraten. 1983 fand aber doch endlich die Hochzeit statt. Eine Liebe fürs Leben wurde standesamtlich manifestiert. Kurz zuvor wurde Tochter Beate geboren. Sie heiratete quasi gleich mit. Der sachliche Grund dafür bestand darin, dass die junge dreiköpfige Familie eine Wohnung benötigte und dafür war in der DDR eine Heirat recht nützlich. Fritz konnte es nur Recht sein. Für ihn ging ein weiterer Traum in Erfüllung. Er hätte Marion sowieso am liebsten gleich am ersten Tag der Begegnung geheiratet. Einige Jahre später erweiterte sich das Glück der Familie: 1992 wurde Tochter Nicole geboren.

Die Familie war sehr vielseitig interessiert. Immer wieder waren sie auch in ihrer Freizeit auf Achse. Immer zu dritt, später zu viert. Vor allem nach der Wende, als sich die Grenzen öffneten. Noch mit DDR-Geld in der Tasche ging es auf nach Spanien. Viele ihrer zahlreichen Reisen führten sie nach Skandinavien, wohin es sie fast jährlich lockte. Ein weiterer großer Traum von Fritz war es, einmal die Alpen zu sehen. Dieser Traum wurde auch gleich nach der Wende erfüllt. Das Gebirge hatte Fritz ohnehin sehr gemocht. Auch näher liegende Ziele wurden anvisiert. Fast jedes Wochenende war die Familie irgendwo unterwegs, auf Erkundungsreisen quer durch Deutschland. Viele schöne Orte und Gegenden entdeckten sie, viele Abenteuer konnten sie gemeinsam erleben. Wenn die Reiselust mal etwas sanfter ausfiel, erholte sich die Familie in ihrem Garten. Alles war schön, alles war rund. Eine fröhliche lebenslustige Familie unterwegs durch die Welt. Das ist heute immer noch so und das wird sicherlich auch so bleiben. Auch wenn sich die Familie inzwischen vergrößert hat mit Schwiegersohn Matthias und der Enkeltochter Marie.

An einem Tag im Jahr 1999 wurde mit einem Schlag alles anders. An diesem Tag geschah es, leider nicht zum ersten Mal, dass Fritz einen Selbstmörder überfuhr. Dieses wiederholte Trauma ließ das Fass dieser Erlebnisse bei ihm überlaufen. Er sollte nie wieder Lok fahren können. Er würde auch nie wieder mehr Lokfahrer sein. Der Traum – sein großer Traum – war aus. Er begab sich in psychiatrische Behandlung. Das Leben der Familie veränderte sich mit einem Schlag. Die Leichtigkeit war plötzlich von einem Augenblick zum anderen verflogen. Als hätte jemand eine Uhr angehalten und sie nicht mehr wieder gestellt. Fritz zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Sprechen mochte er mit seiner Familie auch nicht über dieses Trauma. Er war der Meinung, es würde reichen, wenn ihn das allein belaste. Fritz war erst Vorruheständler, dann Rentner aufgrund seiner Erwerbsunfähigkeit. Während die Familie immer daran interessiert war, das „alte“ Leben wieder herzustellen, fehlte Fritz oft die Kraft, diesen so inniglich gewünschten Weg mitzugehen. Auch der Alltag gestaltete sich schwerer.

Einige Lichtblicke gab es aber doch in dieser für alle harten Zeit. Das war vor allem Marie zu verdanken. Das Mädchen schaffte es doch tatsächlich, allein durch ihr Wesen und durch ihre Art, den Opa aus seiner Lethargie herauszuholen, wenn sie mit ihm zusammen war. Als wäre sie der Prinz und er das Dornröschen.

2016 suchte Fritz per Überweisung einen Lungenarzt auf, weil er Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte. Es wurde ein Lungentumor bei ihm diagnostiziert. Einen Tag vor dem geplanten Krankenhausaufenthalt wurde er durch einen Notarzt, der aufgrund heftiger Luftknappheit gerufen werden musste, eingewiesen. Wenige Stunden nach Marions schnellen Besuch bei ihm verstarb er, gebrochen und desillusioniert.

Wenn ein Traum stirbt, wird es leise, ja dunkel. Und mit ihm sterben alle Träume mit. Wie fallende Blätter im Herbst. Der König hat sich schlafen gelegt, der Held, der Träumer, der Mann, der Vater … Sein Lachen schlief.

(c)Andreas Hähle, 2018

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‚Lebens-Zeichen‘ Folge 2


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Rainer   1932 – 2015

Es war ein Leben im Sinne des Gehens auf einem geraden Weg. Etwas, was durch das Leben selbst nicht gelingt, nicht gelingen kann. So entwickelt sich manchmal aus dem Weg eine Struktur, an der man festzuhalten versucht ist, aber auch eine Suche und ein Entdecken. Und aus dem Gehen wird ein Kampf. Ein starker Mensch entwickelt sich so zu einer Kämpfernatur.

In jedem Leben sind Entscheidungen zu treffen, richtige und falsche. Am Ende ist entscheidend, für wen man etwas tut, mit welchem Ansinnen, ob nur für sich oder auch für andere oder nur für andere. Und manchmal auch, wie man etwas tut. Rainer war jemand, der sowohl für andere als auch für sich selbst lebte. Es gab eine ihm innewohnende Liebe, die ihn dabei leitete, von der er nicht ließ, die er aber auch zu seinem Leidwesen und dem der Menschen, die ihn umgaben, manchmal einfach nicht zu zeigen vermochte.

Rainer wurde 1932 im sächsischen Freiberg geboren, wo er in einfachen Verhältnissen aufwuchs und die Schule besuchte. Seine Mutter war Verkäuferin, der Vater arbeitete bei der Reichsbahn. Er war der älteste von drei Brüdern. Jedem dieser Brüder wurden unterschiedliche Talente und Charakterzüge zuteil. Rainer entwickelte sich zu einem rational denkenden und handelnden Menschen; Hans zu einem Künstler; Joachim ist der Natur sehr verbunden. Trotz dieser Unterschiedlichkeiten in den Charakteren war das Verhältnis der Brüder ein sehr enges. Seine empfundene Liebe und Achtung vor den Brüdern konnte Rainer als rationaler Mensch leider nicht immer so ausdrücken, wie er es gewollt hätte, doch man spürte die Emotionen, wenn er über sie sprach. Die Malereien von Hans schmückten seine Wohnung.

Nach dem Krieg musste Rainer schon in jungen Jahren im Haushalt kräftig anpacken und helfen, die Familie in diesen schwierigen Zeiten über Wasser zu halten. Bereits mit 12 Jahren erlernte er jedoch auch das Schachspiel, welches sein Leben fortan mit bestimmen sollte. Bis Ende 2014 spielte er noch aktiv Schach. Ja, noch mit über 80 beteiligte er sich an Turnieren dieses anspruchsvollen Denksports.

 

Nach der Schule absolvierte er die Finanzfachschule in Leipzig. Dem folgte ein Hochschulstudium in Babelsberg. Er war im Rat des Bezirkes Leipzig tätig. Danach arbeitete er als Hauptbuchhalter und Planungsleiter in einem größeren Kombinat. Rainer war in der DDR politisch sehr engagiert, er war Mitglied der SED. Im Zuge der Wiedervereinigung verließ er desillusioniert die Partei, doch blieb er bis an sein Lebensende stark politisch interessiert. Dieses politische Interesse teilte er mit seinem Sohn Klaus. Oft war es eine Grundlage für gemeinsame Gespräche und Diskussionen. Nach der Wende wirkte Rainer an der Abwicklung seines Kombinats mit, bevor er in den Ruhestand ging. Er unterstützte seinen Sohn Klaus in den ersten Jahren nach der Gründung von dessen Firma mit seinen Erfahrungen und durch aktive Mitarbeit. Diese Firma ist heute ein weltweit agierendes Unternehmen.

1954 heiratete er Isolde. In diesem Jahr kam auch Klaus auf die Welt. 1961 folgte die Tochter Antje, 1965 die Tochter Iris. Fünf Enkel wurden inzwischen geboren.

1956 zogen Isolde und Rainer von Großpösna nach Leipzig. Die drei Kinder fühlten sich in dieser Familie gut aufgehoben und geliebt. Klaus konnte bereits mit 5 Jahren bei seinem Vater das Schachspiel erlernen. Auch für ihn war diese frühe Berührung mit Logik und rationalem Denken lebensprägend. Der Vater erschien den Geschwistern mitunter recht ungeduldig und fordernd, was sich wohl darauf zurückführen lässt, dass er alles, was er tat, sehr ernst nahm. Ungeduld mag bei den einen als Charakterstärke empfunden werden, bei anderen als Charakterschwäche. Rainer war ein Mensch, der wusste, was er wollte und auch wusste, was er von anderen erwartete. Für den seelischen Ausgleich braucht man als Pendant zur Ungeduld die Geduld, um daraus etwas Rundes, etwas Ganzes zu schaffen, eine Einheit, eine Familie. Durch Liebe und Hingabe aller beteiligten Personen zueinander. Rainer vermochte es auch immer wieder, aufkommende und im Raum stehende Differenzen durch seinen charismatischen Humor aufzulösen. Sein Interesse an den unterschiedlichsten Brett- und Kartenspielen, seine Zaubertricks und seine Liebe zur Literatur und zur Musik bereicherten das Familienleben. Neben dem Schachspiel interessierte sich Rainer später auch sehr für das asiatische Brettspiel Go. Sein Enkel Steffen schloss tatsächlich ein Go-Studium ab, woran Rainer mit Sicherheit alles andere als „unschuldig“ war. Seine Liebe zu den Büchern prägte alle Kinder. Die Musik bestimmte vor allem Antjes Werdegang. Rainer prägte seine Familie und es ist sicher, dass sehr sehr viel von ihm in den Wesenszügen und in den Vorlieben seiner Nachkommenden weiter gelebt und weiter gegeben wird. Das in einem Leben erreicht zu haben, ist etwas Großartiges und hat eine tiefe Bedeutung in den Herzen, die unvergänglich ist.

1981 ließen sich Isolde und Rainer scheiden. Das Verhältnis beider beruhte jedoch auch danach auf gegenseitigem Respekt. Rainer lebte seitdem alleine. Seine Hauptbezugsperson wurde nun die Tochter Antje, seine Freude die gemeinsamen Musik- und Literaturabende. Als seine Tochter Iris sich entschied, zu ihrem Mann nach Syrien zu ziehen, unterstützte er sie bei der Finanzierung lebenswürdiger Wohnbedingungen. Mit Interesse und Stolz verfolgt er die Entwicklung seiner dort aufwachsenden Enkel.

2005 verstarb Antje durch einen Unfall, ein tragischer Verlust. Für die Eltern zerbrach in diesem Moment nicht nur ein Teil der Welt, sondern die Welt im Ganzen.

Rainer hatte in seinem Leben sehr viel geschafft und erreicht, aber auch sehr viel verloren. Doch hörte er niemals auf zu kämpfen.

Gegen Ende seines Lebens verschlechterte sich Rainers gesundheitlicher Zustand zusehends. Seit einem Schlaganfall hatte er Koordinationsprobleme und Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Beweglichkeit und Selbständigkeit wurden eingeschränkt. Spätere Durchblutungsstörungen in den Beinen machten mehrere operative Eingriffe bis hin zur Amputation erforderlich. Ein Kampf der ganz besonderen Art und Härte. 2013 zog er ins  Betreute Wohnen um, wo er sich sehr wohl fühlte und seinen Humor an den ihn betreuenden Schwestern testete. Mit Freude erlebte er noch, dass es Iris und ihren Töchtern gelang, das von Krieg überzogene Syrien zu verlassen und sicher nach Deutschland zurückzukehren. Im Januar 2015 kam er aufgrund von Lungenproblemen erneut ins Krankenhaus. Der anschließende Aufenthalt in der Reha Klinik im September schien erfolgreich. Er spielte dort übrigens – und gewann – seine letzte Schachpartie gegen den Stationsarzt. Doch leider wurden kurz vor der geplanten Entlassung weitere operative Eingriffe erforderlich. Diese schwächten ihn sehr. Auch das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation spielte ihm hart mit. Immer wieder versuchte er sich aufzubäumen und weiter zu kämpfen, wie er es sein Leben lang gewohnt war.

Ende 2015, wenige Tage nachdem er doch noch wieder nach Hause…

(c)Andreas Hähle, 2018

‚Lebens-Zeichen‘ Folge 1


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Helene   1929 – 2016

Helene wurde 1929 als Tochter von Charlotte und Karl in Leipzig geboren.
Sie war das zweite Kind der Familie. Ihr älterer Bruder Kurt ist mittlerweile bereits verstorben.

Ihre Kindheit verlief ganz normal für eine Kindheit in ihrer Zeit. Sie wuchs heran, besuchte acht Jahre lang die Volksschule und lebte das damals eben übliche Leben eines Mädchens in Leipzig. Natürlich verbrachte sie auch gerne sehr viel Zeit außerhalb ihrer Familie mit ihren Freundinnen. Zwei dieser Freundinnen leben heute noch. Mit ihnen war sie bis zu ihrem Tod freundschaftlichst verbunden. Eine andere Freundin aus ihrer Kinder- und Jugendzeit war Ursula, die auch leider bereits verstorben ist. Das Haus, in dem Helene aufwuchs, überlebte glücklicherweise die Zerstörungen des Krieges. Die Familie konnte so dort auch nach dem Krieg bleiben, den sie ohnehin unbeschadet und ohne persönliche Verluste überstehen durfte. Die Männer der Familie, Vater Karl und Bruder Kurt, kamen gesund und wohlauf von der Front zurück. Ein Glückssegen lag wohl über dieser Familie in diesen grausamen Zeiten. Nach der Schule absolvierte Helene ein Pflichtjahr auf dem Lande. Ein solches Jahr war damals üblich für die heranwachsenden Kinder dieser Zeit.

1945 nahm Helene eine Lehre als Stickerin auf. In diesem Beruf war sie vielfältig tätig. Mal in einer Firma, mal in Heimarbeit. Anfang der 50er Jahre machten sich bei Helene jedoch Symptome eines Schilddrüsenleidens bemerkbar. Ein Leiden, welches ihr weiteres Leben mitbestimmen sollte, nur war ihr das anfangs natürlich noch nicht klar. 1951 wurde sie deshalb an der Schilddrüse operiert. Bei diesem Eingriff wurde ein Stimmbandnerv verletzt. Dadurch bewahrte sie sich zwar ihre jugendliche Stimme, aber sie litt seitdem fortwährend, mal mehr mal weniger, unter Luftknappheit und Atemschwierigkeiten. Dieses Handicap zog sich durch ihr gesamtes Leben. Eine Beeinträchtigung, die sich hin und wieder in bestimmten Situationen bemerkbar machte. Eine ständige Belastung, die – leider völlig unbeachtet – im Laufe der Zeit auch Einfluß auf die Kraft ihres Herzens nahm. Ansonsten blieb Helene von weiteren beachtenswerten oder erwähnenswerten Krankheiten verschont. Ihr war es immer wichtig und auch vergönnt, das, was ihr Leben war, selbst zu gestalten. Dabei neigte sie auffallend dazu, aus der Not, soweit es eben möglich war, immer eine Tugend zu machen. Eine Eigenschaft, eine Einstellung, die sie ihr Leben lang beibehielt, die einen großen Teil ihrer charismatischen Stärke ausmachte. Manchmal stand da gar keine Absicht dahinter, dann half eben der Zufall etwas nach.

Bei ihrem Krankenhausaufenthalt während ihrer OP war es nicht mal mehr ein Zufall, sondern ein großer positiver Schicksalsfingerzeig. Denn dort lernte sie ihren Walter kennen, der ebenfalls wegen einer anderen Krankheit zu diesem Zeitpunkt dort operiert wurde. Walter kam aus einem kleinen sächsischen Dorf. 1952 zog er zu ihr nach Leipzig, wo der gelernte Bäcker begann, beim Gleisbau zu arbeiten. Im selben Jahr heirateten die beiden. 1953 wurde ihr Sohn Matthias geboren. Bis 1962 lebte die kleine Familie ihren Alltag im Leipziger Osten. Matthias´ Kindheitserinnerungen wurden sogar einmal in der LVZ verewigt, später in einem Buch mit dem Titel „So war das damals …“. Da lässt sich das, was mit Alltag gemeint ist, sehr gut nachlesen und anschauen. 1962 dann verzog die Familie aus ihrer Altbauwohnung in eine neuere Genossenschaftswohnung, wo Helene bis zu ihrem Tod lebte. Nach diesem Umzug begann sie im Geräte- und Reglerwerk Leipzig, der damaligen Elektronik, zu arbeiten. Verantwortlich für die Organisation von benötigten Materialien zur Produktion war sie dort als Disponentin tätig. Diesen Beruf übte sie bis zur Rente aus. Und mit der Rente kam die Wende …

Das Ehepaar führte durch die ersten Jahrzehnte ein ausgesprochen harmonisches und ein eigentlich typisches DDR-Familien- und Eheleben. Alles ging seinen Gang, alles entsprach dem Charakter einer bestimmten Normalität und Stabilität. Selbst der Urlaub führte jedes Jahr in dasselbe Quartier in der Sächsischen Schweiz. Walter ging gerne wandern und die Familie genoss diese Zeit der gemeinsamen Erholung sehr. Vor allem die gemeinsam  miteinander verbrachten ganzen Tage ohne Arbeitsleben. Für Matthias waren sie ein alljährliches willkommenes Abenteuer. Diese Jahrzehnte waren auch eine Zeit der inneren Ruhe. Weder von außen noch von innen strömten Belastungen auf dieses Familienleben ein. Mitte der 70er kam Matthias zur NVA, danach zog er von zu Hause aus. Und bereits 1976 kam das erste Enkelkind, Anja, auf die Welt.

(c)Andreas Hähle, 2018

Das Sterbewerk*_Episode 33 „Der Amtsschimmel von Leipzig“ 

Der #Tod ist gewiss, das amtliche Dokument dazu nicht unbedingt! In Leipzig sind Wartezeiten von 4 Wochen inzwischen Normalität geworden. Ein Umstand, der die Hinterbliebenen viel Nerven, Zeit und Geld kostet. #BILD #Leipzig und jetzt auch der #mdr haben uns dazu interviewt, weil wir der einzige Leipziger #Bestatter waren, der sich auf amtlichen Wege bis zum Rathaus beschwert hat. Für unsere Kunden. 

Wie geht es nun weiter? 

Handelt Leipzigs Amtsschimmel?Dann wäre der erste Schritt getan… 

http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/video-115092.html
Quelle: mdr Aktuell, 18.06.2017, 21:45 Uhr, mdr Fernsehen

Das Sterbewerk*_Episode #32 „Er starb am Kreuz…“

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

… sagen die einen. Andere wiederum behaupten beim Leibe ihrer Mutter, dass Jesus klammheimlich ins ferne Kaschmir emigrierte, um dort kurz darauf in irgendeiner Himalaja-Stadt an Altersschwäche zu sterben. Wer auch immer der Wahrheit näher kommt, so hundertprozentig steht überhaupt nicht fest, dass es Jesus im biblischen Sinne wirklich gegeben hat und ob er nicht vielleicht nur als ein am Kreuz Sterbender und eine Woche darauf Wiederauferstehender eine missionierende Rolle zu übernehmen hat. Jesus, der erste Alibi-Christ?
Die Frechesten behaupten ja ohnehin, dass Jesus viel lieber ’ne Runde Schwimmen gegangen wäre, wenn er es nicht so mit dem Kreuz gehabt hätte!
Ins Geschichtsbild passt da schon eher, dass sich wohl einer der Jünger geopfert hatte und der in Wirklichkeit feige Jesus davonpilgerte.. Jesus, der Lehrer der Gerechtigkeit. Am Kreuz wird er wohl gestorben sein, Frage ist nur, an welchem, möglicherweise am eigenen.

Warum fällt mir diese biblische Geschichte gerade heute und gerade jetzt ein?
Naja, das Wetter am heutigen Pfingstsonnabend war hierzulande ganz ordentlich, nicht zu warm, nicht zu windig, es lud zu einem Stadtrundgang ein, klar, eher eine Stadtrundfahrt im medizinisch korrekten rollenden Stuhl. Opi vorn, ich hinten, ziemlich beste Freunde. Wie meint der alte Herr immer, „Schwarze Guggen“, was wohl der sächsische Ausdruck für „das Wave Gotik-Treffen mit den Augen begleiten“ bedeutet. Danach noch eine kurze Stippvisite im Capa-Haus, Erdbeertorte, Schlagsahne aus dem Automaten und e Tässchen Heeßen genau dort, wo vor ziemlich genau siebzig Jahren Robert Capa den „Last man to die“ auf Zelluloid bannte. Ist auch geschichtsträchtig. Und wahrheitsgesichert.
Wir sitzen dort auf der klassisch mit Holz und Glas überdachten Veranda unmittelbar entlang der Bowmanstraße. Keine 30 Meter hinter der Abbiegung von der Jahnallee, früheren Frankfurter Straße. Ein silberfarbener Blechvierbeiner mit Ford-Emblem bleibt unsicher umherschauend mitten in der rechten Fahrspur stehen, studiert den Leipziger Stadtplan, verwechselt Nord mit Süd, braucht länger. Es kam wie es kommen musste, hinter ihm Stau, weil das Reißverschlusseinfädeln nicht unbedingt Sache der Ossis ist, Stau also bis in den Kurvenbereich und – Peng Krach Bumm Au – ein schwarzer Stern rammt eine ebenfalls nicht vorbeikommende Irgend-ein-Emblem-tragenden Blechkiste. Splittern tut aber nur Plastik. Just genau in diesem Moment verdrückt sich der im-Weg-stehende Ford und fährt klammheimlich fort. Besser is.
Sollen die beiden das unter sich ausmachen, wir haben Gegenwart, nicht biblische Vergangenheit, jeder ist sich selbst der Nächste, jeder opfere sich selbst.

Bis die Apostelgeschichte 24:15 wahr wird und die gesamte Erde in ein buchstäbliches Paradies verwandelt ist, dauert es demnach noch. Nichts von beginnender Transformation, nichts mit dem Maya-Kalender und seiner Prophezeiung. Nicht einmal auf die Erderwärmung ist wirklich Verlass.
„Der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein.“ aus der Offenbarung 21:4 – Gott bewahre. Ich hätte nichts mehr zu tun, wäre arbeitslos. Lieber Gott im Himmel oder Jesus im Himalaja, wartet noch fünf Jahre, bitte.

Ach ja, Gott ist alt und Jesus starb am Kreuz.
Glück gehabt.

©Casus. 2016

Das Sterbewerk*_Episode #31 „Immer weiter…““

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Da hat sich doch tatsächlich eine – wenn auch klitzekleine – kreative Pause eingeschlichen, eine von gefühlten 12 oder 24 Monaten. In Wirklichkeit muss es gestern gewesen sein, als die letzten Sätze zu Papier bzw. Anschläge auf den lichtgedämpften Bildschirm gehämmert wurden.

Hat sich aber auch ’ne ganze Menge geändert in dieser Zeit. Das Auto auf dem Hof ist ein Stückchen gewachsen und trägt einen anderen „Stern“, und – es gehört nicht mehr mir. Ich fahre es „nur“. Auch meine Post wird an eine andere, eine frühere Adresse geliefert. Unverändert ist jedoch die Musik, die aus den Lautsprechern um mich herum schallt, jetzt gerade die japanische Ausgabe Dylans neuer Maxi „Melanchooly Mood“. Genau so fühle ich mich auch.

Mein von den Kollegen etwas abgesetzes Büro im Leipziger Westen hat frische Farbe bekommen, auch die Risse in den Wänden wurden damit kaschiert. Auf den in die Jahrzehnte gekommenen Teppichbelag hat Sveni Laminat verlegt. Seit dieser Zeit kriege ich andauernd eine gewischt, egal was ich anfasse. Kann man Pressholz erden?

Demnächst werde ich einundsechszig. Eine Zahl, die man nur in Buchstaben schreiben und sprechen kann, dann fällt es nicht so auf. Aber ja doch, die coolen Sprüche kenne ich auch – Jeder fühlt sich so, wie er alt ist! oder so ähnlich.
Seit Bob der Musikmeister im Gewandhaus auf dünnsten Stelzen hin und her schwankte und in einem fort den „Dylan“ machte, sage ich mir, da ist noch etwas Luft.

„Alles oder überhaupt nichts“ („All or nothing at all“) – der Kerl weiß schon, wovon er singt.

Wer also dieses ominöse einundsechszig mit mir gemeinsam feiern, nein, eher begehen möchte, der kommt am Sonnabend, den 9. Juli und 18:10 (also 6 Uhr 1) bis 1:06 (also 1 Uhr 6) an das Ufer des Elsterflutbeckens im Palmengarten unterhalb der Zeppelinbrücke. Da sitzen wir gemütlich an einem herrlich warmen und gemütlichen Mittsommerabend im Grünen, Grillen und Trinken was und hören die Musik aus den Röhren von Linie 7ieben. Oder machen noch ganz andere Dinge.

Kommt, oder kommt nicht. Kommt. Anmeldungen nehme ich keine an, ebenso wenig wie Geschenke jedweder Art.Ist niemand da, der was tragen kann 🙂

Und das Aller-Neuste.
Ich schreibe ab sofort wieder – wenn mir was beifällt!

(c)Casus. 2016

Der alte Sack – Bob Dylan im Gewandhaus zu Leipzig

Da hat er es tatsächlich noch einmal überstanden. Dylan bleibt sich auch in Leipzig treu und die mit ihm gealterten Bobcats reißt es nur hier und da und ganz am Ende kurz aus den roten edelstoffgepolsterten Sesseln in der ersten Musikhalle der ehemaligen Messemetropole.

Ich bin mir sicher, His Bobness hat null Ahnung, in welcher Stadt er da heute Abend auftritt. Und dass er Leipzig nicht mit babschem B schreibt, liegt wohl eher am angelsächsisch geprägten harten P. Wie auch immer.
Für 200 Dollar pro Ticket kann man schon nach der Pause seinen Platz brav wieder einnehmen. Egal, was da vorn auf der Bühne gerade passiert.

Jahrzehnte auf seiner Never Ending Tour hat Herr Zimmermann Tag für Tag und Abend für Abend die Setlist seiner Auftritte am Ende gar nicht mehr überraschend durcheinandergewirbelt. Selbst sein Bass-Urgestein Tony Garnier verrutscht da mehrfach das Pokerface, wenn der Meister hinter dem neuerdings am rechten Bühnenrand gelangweilt rumstehenden, edlen Baby-Grand-Piano Töne anklimpert, die schon seit Menschengedenken nicht mehr in den Tour-Hallen ertönten. So wie er das alte Kirmes-Piano längst verschrottet hat, genau so greift Dylan nicht mehr zur Gitarre, es sei denn, er braucht Charlie Sextons E-Saiten zum Festhalten auf dem Weg zum Teebeutel. Oder was auch immer in der Flasche abgefüllt ist, die er im Schatten der Scheinwerfer da zwischen den Songs an die Lippen hält. Nach Apfelsaft sieht die Bühnenpräsenz jedenfalls nicht mehr aus.

Musikalisch also keine Überraschung in Leipzig. Wenn man kein Rock und Roll-Feuerwerk erwartet oder gar die groovenden Highlights der vergangenen L.E.-Konzerte. Wir hätten auch zu Frank Sinatra gehen können, doch der fand sein seliges Ende schon 1998 in L.A.
Dylan wird älter, welch großartige Feststellung, und er wird ruhiger. Mit meistens gelassener, besser vergnügter Innerlichkeit tänzelt er bereits beim Opener des Abends Things Have Changed und noch bevor er eine knappe halbe Stunde Ruhe braucht, huscht ein verstecktes und trotzdem so gut sichtbares Schmunzeln aus den tiefen Furchen des fast 75jährigen Wuschelkopfes, wenn er Trübsal immerzu anstimmt.

Tanzen wir noch eine Runde?

Setlist in Leipzig am 12. Oktober 2015

Things Have Changed
She Belongs to Me
Beyond Here Lies Nothin‘
The Night We Called It a Day (Frank Sinatra cover)
Duquesne Whistle
What’ll I Do (Irving Berlin cover)
Pay in Blood
I’m a Fool to Want You (Frank Sinatra cover)
Tangled Up in Blue

High Water (For Charley Patton)
Where Are You (Frank Sinatra cover)
Early Roman Kings
Why Try to Change Me Now (Cy Coleman cover)
Spirit on the Water
Scarlet Town
All or Nothing at All (Frank Sinatra cover)
Long and Wasted Years
Autumn Leaves (Yves Montand cover)

Blowin‘ in the Wind
Love Sick
(c)Casus. 2015