Der alte Sack – Bob Dylan im Gewandhaus zu Leipzig

Da hat er es tatsächlich noch einmal überstanden. Dylan bleibt sich auch in Leipzig treu und die mit ihm gealterten Bobcats reißt es nur hier und da und ganz am Ende kurz aus den roten edelstoffgepolsterten Sesseln in der ersten Musikhalle der ehemaligen Messemetropole.

Ich bin mir sicher, His Bobness hat null Ahnung, in welcher Stadt er da heute Abend auftritt. Und dass er Leipzig nicht mit babschem B schreibt, liegt wohl eher am angelsächsisch geprägten harten P. Wie auch immer.
Für 200 Dollar pro Ticket kann man schon nach der Pause seinen Platz brav wieder einnehmen. Egal, was da vorn auf der Bühne gerade passiert.

Jahrzehnte auf seiner Never Ending Tour hat Herr Zimmermann Tag für Tag und Abend für Abend die Setlist seiner Auftritte am Ende gar nicht mehr überraschend durcheinandergewirbelt. Selbst sein Bass-Urgestein Tony Garnier verrutscht da mehrfach das Pokerface, wenn der Meister hinter dem neuerdings am rechten Bühnenrand gelangweilt rumstehenden, edlen Baby-Grand-Piano Töne anklimpert, die schon seit Menschengedenken nicht mehr in den Tour-Hallen ertönten. So wie er das alte Kirmes-Piano längst verschrottet hat, genau so greift Dylan nicht mehr zur Gitarre, es sei denn, er braucht Charlie Sextons E-Saiten zum Festhalten auf dem Weg zum Teebeutel. Oder was auch immer in der Flasche abgefüllt ist, die er im Schatten der Scheinwerfer da zwischen den Songs an die Lippen hält. Nach Apfelsaft sieht die Bühnenpräsenz jedenfalls nicht mehr aus.

Musikalisch also keine Überraschung in Leipzig. Wenn man kein Rock und Roll-Feuerwerk erwartet oder gar die groovenden Highlights der vergangenen L.E.-Konzerte. Wir hätten auch zu Frank Sinatra gehen können, doch der fand sein seliges Ende schon 1998 in L.A.
Dylan wird älter, welch großartige Feststellung, und er wird ruhiger. Mit meistens gelassener, besser vergnügter Innerlichkeit tänzelt er bereits beim Opener des Abends Things Have Changed und noch bevor er eine knappe halbe Stunde Ruhe braucht, huscht ein verstecktes und trotzdem so gut sichtbares Schmunzeln aus den tiefen Furchen des fast 75jährigen Wuschelkopfes, wenn er Trübsal immerzu anstimmt.

Tanzen wir noch eine Runde?

Setlist in Leipzig am 12. Oktober 2015

Things Have Changed
She Belongs to Me
Beyond Here Lies Nothin’
The Night We Called It a Day (Frank Sinatra cover)
Duquesne Whistle
What’ll I Do (Irving Berlin cover)
Pay in Blood
I’m a Fool to Want You (Frank Sinatra cover)
Tangled Up in Blue

High Water (For Charley Patton)
Where Are You (Frank Sinatra cover)
Early Roman Kings
Why Try to Change Me Now (Cy Coleman cover)
Spirit on the Water
Scarlet Town
All or Nothing at All (Frank Sinatra cover)
Long and Wasted Years
Autumn Leaves (Yves Montand cover)

Blowin’ in the Wind
Love Sick
(c)Casus. 2015

Sechszig und kein bischen älter!

Irgendwann im Leben hat der Mensch keine Wünsche mehr. Das ist der Moment, wo er anfängt zu träumen…
Ob ich diesen Zeitpunkt schon erreicht habe, wage ich zu bezweifeln, aber wer weiß? Gut möglich ist es schon.

Am 26. Juli 2015 ab 12 Uhr jedenfalls erfüllen wir uns noch einen lang gehegten Wunsch:
In der Konzerthalle an der Waldbaurstr. 2a  gibt es ein großes Rock- und Blueskonzert mit Wolfgang Becker und Chris Keisers von der Gruppe Schwarzbrenner. Der Eintritt ist frei! Kleines Catering inklusive.
Musik von direkt unter der Gänsehaut mit Texten aus tiefster menschlicher Seele.

Ihr seid herzlich eingeladen!
Wo: Bei Hoensch
Wann: Sonntag, 26. Juli 2015 ab 12 bis ca. 15 Uhr
Bei schönem Wetter Open Air. Anmeldungen sind vorteilhaft.

Rückfragen gern unter Casus, Tel. 0172.3576192

Link zur Band: http://www.beckerkeisers.de/songs/

Das Sterbewerk*_Episode #30 “Der polnische Riesling-Sarg”

“Aus dem Leben eines Taugewas – Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Der polnische Riesling-Sarg

Die Abendsonne lugt vorsichtig durch die spärliche Fensterdekoration in seinem Lieblingsrestaurant La Scola. Sonnabends ist italienischer Abend.
Dieter Hommel* sitzt in trauter Zweisamkeit und freut sich auf das Danach.
Carlo, der Hausherr, bedient ihn schon seit Jahren. Er weiß, wann er was und wie er es auftischen muss.
Dieter ist genügsam. Meist tut es ein einfacher, trockener italienischer Riesling. Auch, weil er den in seinem Haus- und Hof-ALDI für 2,99 Euro nachkaufen kann.
Den trinkt er dann allein zu Haus.

Bei Carlo ist alles anders.
Auf dem Tisch brennt eine Kerze, Besteck und Geschirr sind perfekt abgestimmt, leise Musik erfüllt den Raum und zu den dezent lugenden Sonnenstrahlen hat Carlo immer einen passenden Spruch auf den Lippen. Dieter liebt es, wenn die Teller in einen fremden Geschirrspüler wandern. Er denkt nicht darüber nach.

Die Rechnung ist schnell bezahlt; der Wein kostet 18,50 Euro. Trinkgeld gibt er reichlich.

Am nächsten Tag fällt das Frühstück aus. Niemand sitzt mit ihm bei Kaffee und Morgenzeitung.
Stattdessen der schon lange befürchtete Anruf. Mama ist eingeschlafen. Sie hat es geschafft und Dieter jetzt andere Sorgen.
Am frühen Abend bereits sitzt er beim freundlichen Bestatter von um die Ecke. Der hat alles vorbereitet. In knapp zwei Stunden sind die Formalitäten besprochen. Mama ist in guten Händen.
Es ist 20:30 Uhr.

Wieder zu Hause findet Dieter die so sehr benötigte Ruhe.
Er surft noch ein wenig im Netz. Was könnte man nicht alles, wenn man wollte.
Auf einer schlicht gestalteten polnischen Webseite kann man einfache Särge kaufen, aus rohem Holz. Ab Werk in Twardogora, für 85 Euro.
Dieter wird hellhörig. Der Bestatter hat 399 Euro in der Kostenaufstellung veranschlagt.
Nicht mit mir, denkt Dieter – und handelt.
*Name geändert.
©Casus. 2015

Schnarchgedichte #006

Immer zieht es ihn dorthin, wo er grad nicht ist.
Immer will er grad das, was er nicht hat.
Der Mensch.

Nachts um drei sind die Lichter ausgegangen.
Nachts um vier ist der Horizont erloschen.
Kalter Wind fegt um die Ohren.
Jeder Grashalm ist erfroren.

Sehnsucht nach Licht
habe ich nicht.
Denn ohne den kleinsten Groschen
bin ich in endlosen Träumen gefangen.

(c)Casus. 2015.

Schnarchgedichte #005

Sonnabend.
Heißer Grill und kalter Jameson.
Eine ganze Flasche. Zu zweit.
Spät, nein – früh ist es geworden.
Für ein Schnarchgedicht hat es danach nicht mehr gereicht.

Sonntag.
Sonnenaufgang. Viel zu zeitig.
Die Strafe: Schneegestöber, Graupelregen, Windeswinde.
Am Telefon unzufriedene Kunden, denen man am Abend und am Feiertag jeden Wunsch von den Lippen abliest.
Noch immer am Telefon ungerechte Kunden, die nicht zu ihrem Wort stehen.
Offene Rechnungen.
Kurze Nacht.

Montag.
Alltag.

 

©Casus. 2015

Schnarchgedichte #000

Liegst du wach, wo and’re schlafen?
Brauchst du Ruh’, wo andere die Sau rauslassen?

Dann sind die Schnarchgedichte vielleicht eine willkommene Abwexlung.
Doch bedenke, sie fallen mir nur nachts ein und haben nichts mit der Wirklichkeit des helllichten Tages zu tun.

Frei nach Eugen Roth:
“Ein Mensch hört staunend und empört,
daß er als Unmensch alle stört:
Er nämlich bildet selbst sich ein,
der angenehmste Mensch zu sein.
Ein Beispiel macht euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.”

In diesem Sinne … Schnarchgedichte made in Wandlitz.
Bis zum Tag X.

(c)casus. 2014