Der Diener geht und schweigt [von Peter Korfmacher]

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Großes Stühlerücken an der Oper Leipzig. Was kommt nach von Maravic?
Die Verbitterung kann und mag er nicht verhehlen, und für ein Abschieds-Interview steht Alexander von Maravic nicht mehr zur Verfügung. „Ich habe“, bescheidet er knapp, „keine Lust, schmutzige Wäsche zu waschen.“ Das spricht für menschliche Größe. Denn der vor seiner Ankunft als Geschäftsführender Direktor der Oper Leipzig Ende 2005 überregional überaus erfolgreiche Sprechtheater-Verwaltungsmann hat gewiss noch einige Rechnungen offen. Und seine noble Verschwiegenheit ist schade. Denn manches ist für die Öffentlichkeit noch immer ungeklärt an den unappetitlichen bis absurden Vorgängen an der Führungsfront, die seit mittlerweile vier Jahren das Bild von der Oper Leipzig weitaus stärker prägen als die künstlerische Arbeit.
Als von Maravic am 1. November 2005 sein erstes Leipziger Amt antrat, schien die Welt noch in Ordnung: Henri Maier (seit 2001 Intendant) hatte zwar im überregionalen Feuilleton keinen Erfolg, die Oper aber wieder zu den Leipzigern gebracht. Die Auslastung entwickelte sich erfreulich, die Zahl der Abonnenten hatte er von knapp 2000 am Ende der Ära Udo Zimmermann wieder auf knapp 10000 steigern können. Dazu hatte Riccardo Chailly gerade mit dem Amt des Gewandhauskapellmeisters auch das des Generalmusikdirektors an der Oper angetreten, das Haus also erstmals seit 1999 wieder einen musikalischen Oberleiter.
Nun gut: Es fehlte vorn wie hinten am Geld fürs komplizierte Haus mit großem Ballett und der MuKo für die leichte Muse. Aber das war auch damals schon eigentlich überall so. Einer gedeihlichen Arbeit fürs Leipziger Musiktheater stand also nichts im Wege. Zumal von Maravic und Maier fachlich wie persönlich so gut miteinander zu können schienen, dass sie schon mit Beginn der Spielzeit 2006/2007 gleichberechtigt als Doppelspitze firmierten.
Doch dann versetzte die Stadtspitze das Führungs-Karussell in rasante Drehung. Und bis heute ist es nicht zum Stillstand gekommen: Im Juni 2007 beurlaubt die Stadt Maier, weil der mit Chailly nicht mehr konnte. Von Maravic wird kommissarischer Intendant. Als solcher soll er die Geschäfte führen, bis eine hochkarätig besetzte Findungskommission einen Maier-Nachfolger beruft, was bis spätestens 2008 geschehen soll. Doch die Kommission nimmt ihre Arbeit gar nicht erst ernsthaft auf. Stattdessen landet die Oper im März 2008 den vermeintlichen Coup, den 63-jährigen Peter Konwitschny als Chefregisseur ans Haus zu holen, für sechs Jahre, bis 2014 also und (gewiss nur zufällig) bis zum Rentenalter von Maravics, der Intendant werden soll, eine Aufgabe, die Konwitschny abgelehnt hat.
Doch es sollte anders kommen: Die Personalie Konwitschny haben Oper und Stadtspitze an Stadtrat und Chailly vorbeigeschaukelt. Weswegen der im Juni 2008 die Brocken schmeißt. Dann blockiert die CDU im Stadtrat die Abfindung Henri Maiers, die die Voraussetzung für von Maravics Ernennung zum Intendanten ist, und so bleibt der bis zuletzt, bis heute, interimistisch im Amt. Nun kommt nach der Sommerpause Schirmer, von Maravics Abgang wird durch einen Beratervertrag ein wenig abgefedert, der noch ein Jahr lang läuft. Dass all dies von der Stadtspitze nicht vernünftig kommuniziert wird, Entscheidungen gern an Betroffenen vorbei getroffenen werden, versteht sich in Leipzig beinahe von selbst.
Bei alledem hat von Maravic stillgehalten, ist loyal geblieben, hat nur im sehr privaten Kreis ahnen lassen, wie sehr er gelitten hat unter seiner Funktion des Stoßdämpfers für beide Seiten. Denn für die Stadt war natürlich immer er, der zwar kommissarische, aber doch Intendant, der Verantwortliche, wenn etwas nicht lief in der Oper Leipzig. Und hinter diese komfortable Einschätzung zog auch Konwitschny sich geschmeidig zurück, als sich abzuzeichnen begann, dass es mit dem künstlerischen Neustart, der Rückkehr in die Musiktheater-Bundesliga einstweilen nichts werden würde. Weil das überregionale Feuilleton, für dessen Ausbleiben Maier gefeuert worden war, auch auf die zahllosen Wiederaufnahmen guter bis exzellenter, aber alter Produktionen mit wenig Interesse reagierte. Auch Konwitschnys Neuinszenierungen, der „sensationelle Leipziger Gluck-Ring“, trafen auf wenig Gegenliebe, und den meisten der Gast-Regisseure ging es kaum anders. Und so ist der Erfolg beim Feuilleton nicht wiedergekehrt – und das Publikum hat sich so vollständig von dieser Oper verabschiedet, dass sich selbst die Auslastungszahlen der späten Zimmermann-Jahre dagegen wie die einer Volkstheater-Bühne ausnehmen.

Das alles ist von Maravic indes nur bedingt anzulasten. Sein Selbstverständnis ist nicht das eines Chefs. Er sieht sich als Diener des Theaters und des Hauses. Und als solcher hat er bis zuletzt gute Arbeit geleistet. Er hat die personellen Fehlstellen besetzt, Mario Schröder als Ballettchef geholt und Ulf Schirmer als GMD. Er hat es ermöglicht, dass die umfangreiche Renovierung des Hauses störungsfrei und termingerecht durchgezogen wurde, hat über Personalabbau und Umstrukturierungsmaßnahmen Millionen-Einsparungen möglich gemacht – die allerdings allesamt postwendend wieder aufgefressen wurden von den Kostensteigerungen an allen Fronten. Er hat Operndirektorin Franziska Severin den Rücken freigehalten für ihre Arbeit am Ensemble des Hauses, hat Konwitschny bei seiner umfassenden Selbstverwirklichung unterstützt, hat moderiert, verhandelt, beschwichtigt.
Und wahrscheinlich liegen genau da seine Versäumnisse. Manche Fehlentwicklung sah er wohl kommen. Aber im Dienste des Theaters mochte er nicht mit der Faust auf den Tisch schlagen, klare Grenzen ziehen, eigene Visionen entwickeln. Weil aber auch dies Aufgabe eines Intendanten ist, trägt er Verantwortung für die prekäre Situation, in der die Oper Leipzig sich derzeit befindet.
Ob sie sich nun verbessert, wird sich zeigen. Ulf Schirmer übernimmt ein schwieriges Erbe. Einerseits ist es gut, dass durch seine Personalunion als Intendant und Chefdirigent die musikalische Seite der Musiktheater-Medaille wieder öfter oben liegen könnte, das weltberühmte Gewandhausorchester auf dieser Seite des Augustusplatzes nicht als Fußnote wahrgenommen wird, sondern als maßgebliche Stütze. Andererseits muss sich erst noch erweisen, ob Schirmers GMD-Job ihm genug Zeit lässt für die dringend notwendige inhaltliche und strukturelle Neuausrichtung des Hauses.
An der Oper Leipzig wurde zuletzt fleißig umgeflaggt, abhängig davon, ob gerade der kommende Intendant an Bord ist oder der kommissarische, wird mit erheblichem Aufwand das neue Erscheinungsbild der Oper gepflegt oder das alte. Das ist kein gutes Zeichen. Denn die Farbenlehre der Corporate Identity ist wirklich das kleinste Problem eines Opernhauses, das angesichts fehlender Akzeptanz am Abgrund steht.

Fotomontage/Zwischenüberschrift: casus
(c)casus. 2011 [Originalbeitrag siehe blogroll, mit freundlicher Genehmigung v. Peter Korfmacher, Autor]