»» Der Politische Asche-Mittwoch ««­ Folge 52 ‘Meine Schulden – deine Schulden’

Heute, am 23. Mai 2012, ist im Klett-Cotta-Verlag ein Buch erschienen.

Naja, kann ja passieren.
Doch es ist nicht irgendein Buch, dass irgendwann oben links im Bücherregal verstaubt:
„Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ von David Graeber

Wenn nicht auch gerade Herr Sarrazin wieder von sich reden machen würde, so nach dem Motto „Europa ohne Eur ist ein Opa“, hätte unsere Aufmerksamkeit nicht geteilt werden müssen.
Doch es lohnt sich, das Teilen!

Im Nachfolgenden kopiere ich den kompletten Artikel aus der Frankfurter Rundschau und auch, wenn ich irgendwann meine Schulden nicht mehr zurückzahle, so will ich doch jetzt und hier und heute noch vorbildlich zitieren:

Frankfurter Rundschau online vom 23.05.2012:

Blockupy
Wie besetzt man eine Bank?

Inside Occupy: Der amerikanische Anthropologe und Anarchist David Graeber ist der neue Popstar der Kapitalismuskritik. Eine Begegnung.

Man konnte am vergangenen Wochenende in Frankfurt kein Geld mehr aus den Bankautomaten ziehen, die Banken hatten ihre Filialen geschlossen. Man konnte auch keine Ehen mehr schließen, weil das Standesamt zu war, man konnte nicht einkaufen, weil viele Geschäfte vernagelt waren, man durfte nicht einmal mehr im Anzug herumspazieren, weil man für einen Kapitalisten gehalten werden konnte; doch dafür konnte man ohne Fahrkarte in die Bahn steigen, weil sich ohnehin niemand mehr zu kontrollieren getraute. Die Stadt hatte sich kurzerhand in einigermaßen anarchistische Zustände manövriert, und das aus Angst vor wilden Anarchistenhorden, die da über sie herzufallen drohten. Und mittendrin stand David Graeber und freute sich diebisch.

Es lässt sich in diesen Tagen mit niemandem so schnell und tief in die Probleme der Welt eintauchen wie mit Graeber. Der 51-Jährige ist Amerikaner, aber daran liegt es gar nicht, er ist Anthropologe und Anarchist, auch daran liegt es nicht, er ist der neue Popstar der Kapitalismuskritik, daran schon eher. Vor allem aber empfängt David Graeber seine Gesprächspartner im feudalen Frankfurter Hof, während gleich draußen vor der Tür zigtausend Empörte zusammenlaufen. Fragt man ihn, warum er hier drinnen sitze und nicht da draußen sei, sagt er, eine Agentur habe den Ort ausgewählt, warum, das wisse er auch nicht.

Man könne ja raus gehen, wirklich, sagt er, erst beschwichtigend, dann eindringlicher, „gehen wir jetzt raus!“ Und schon steht er, will los, drängt auf die Straße. Willkommen in der Gegenwart von David Graeber.

Eine Lösung für die Probleme der Welt

Während Frankfurt sich also einigermaßen selbst erlahmte aus schierer Furcht, sein Finanzplatz könne von Demonstranten mit umstürzlerischen Liedern bedacht werden, während gepanzerte Polizisten alles umstellten, kontrollierten und auch mal niedertrampelten, was in der Stadt geblieben war, während alledem saß Graeber da, im alten Pullover, und war in zweierlei Hinsicht der Mann der Stunde: Graeber hat nicht nur eine Lösung für die Probleme der Welt, er weiß auch noch, wie sie herbeizuführen ist, die Lösung.

David Graeber: „Wir sind die 99 Prozent“.

Zwei Bücher, die nun beide auf Deutsch erschienen sind, stellt er in Frankfurt vor, seinen Erfahrungsbericht über die „Occupy Wall Street“-Bewegung und sein Hauptwerk „Schulden – die ersten 5000 Jahre“. Kombiniert man sie, kann den Banken wirklich Angst und Bange werden. Ein schlechtes Gewissen, das ließ sich in Frankfurt gut beobachten, haben sie ja schon.

Graebers Lösung ist mitten in einer globalen Schuldenkrise so einfach wie radikal, Schulden, sagt er, muss man nicht zurückzahlen. In seinem Hauptwerk, das macht schon einen Gutteil des Reizes der Lektüre aus, schaut er auf die Weltwirtschaft wie ein Ethnologe auf eine eben erst entdecktes Inselvolk, er staunt, er schaudert und manchmal schwärmt er.

Mit der Erfindung des Geldes, so geht Graebers Grundgedanke, kam auch die Idee in die Welt, welches zu verleihen, für noch mehr Geld, versteht sich, ein gutes Geschäft für den Verleiher, ein schlechtes für den Schuldner. Geht man stattdessen her und leiht sich für den Spaziergang in der verängstigten Frankfurter Innenstadt den Anzug, den man sonst nie tragen würde und doch von geliehenem Geld gekauft hätte, von einem Freund, der ihn ohnehin gerade nicht braucht, dann läuft man adäquat durch die Innenstadt, der Anzug hängt nicht blöde im Schrank rum und man schuldet niemandem etwas, außer dem Freund vielleicht einen Gefallen. Ein System ohne Schulden, sagt Graeber, ist ein effizienteres und produktiveres System.

Graeber führt seine Betrachtung bis ins alte Mesopotamien zurück, schon da waren die Schulden nämlich in der Welt, auch ohne Geld, schon da waren sie ein Machtfaktor, schon da gerieten Bauern in die Kreditklemme. So entstanden Aufstände und immer wieder geschah etwas, das heute kaum mehr denkbar scheint: ein Schuldenerlass. Beim altorientalischen Kulturvolk der Sumerer hatte man für Freiheit den Begriff Amargi, was „Rückkehr zur Mutter“ bedeutet, weil alle schuldenfrei nach Hause gehen durften.

Über die Jahrtausende aber, die fünf, die Graeber untersucht, ist ein Mythos entstanden, der Mythos von der moralischen Verpflichtung, seine Schulden zurückzuzahlen, ganz so, als beinhalte nicht schon der Erhalt von Zinsen eine Kompensation für das Risiko, sein Geld eben auch mal nicht zurückzukriegen. Schulden sind für Graeber nichts anderes als ein Instrument zur Bewahrung von Herrschaftsverhältnissen. Aus ihnen auszubrechen, bedeutet, seine Schulden einfach nicht mehr zu bezahlen.

Graeber: nicht nur radikal, sondern auch amüsant

Und damit ist er mitten im Hier und Jetzt. In Frankfurt sitzt Graeber an einem Nachmittag auf einer improvisierten Bühne des Studentenhauses der Universität, es ist genau genommen die einzige Veranstaltung, die in diesen Tagen, an denen nicht einmal der Liedermacher Konstantin Wecker auftreten darf, erlaubt ist, woran man wiederum merkt, wie wenig sich die Herrschenden mit dem auseinandergesetzt haben, was da geschieht. Graeber ist nicht nur radikal, er ist auch unheimlich amüsant, was eine katastrophal gefährliche Mischung ergibt, die nach aktueller Frankfurter Interpretation des Grundgesetzes unbedingt verboten gehörte.

Stattdessen darf der Mann reden, über Menschen in Afrika, die unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Armut leben. Weil viele der Staaten ihre Schulden niemals werden zurückzahlen können. Weil der Internationale Währungsfonds nichtsdestotrotz auf vollständiger Tilgung besteht, inklusive Zins und Zinseszins, versteht sich. Überhaupt, der Währungsfonds: Für Graeber ist diese Institution in der Hochfinanz „das Äquivalent zu den Jungs, die kommen und einem die Beine brechen, wenn man seine Schulden nicht bezahlen kann“. Er zwinge Regierungen dazu, die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln zu streichen, um stattdessen die Staatsschulden mit Zins und Zinseszins an reiche Industrienationen zurückzuzahlen, woraufhin Menschen an Hunger sterben. Wie ist das zu rechtfertigen? Warum setzt die moralische Verpflichtung, seine Schulden zu begleichen, jede andere Moral außer Kraft? Wie kann das sein?

„Der Staat hat beschlossen, alle seine Funktionen einzustellen, die Schulen, die Krankenhäuser und all das, und nur zwei Funktionen zu behalten, die Gewalt und die Banken“, sagt Graeber. Und schaut hinaus aus dem Fenster, wo die Staatsgewalt in grotesken Kampfmonturen die menschenleeren Banken schützt. Die meisten Revolten würden durch Schulden ausgelöst, sagt er, weit häufiger als durch Sklaverei und Unterdrückung. Graeber ist fest davon überzeugt, dass diese Revolte jetzt kommt. Er sieht die Welt auf extrem chaotische Zustände zusteuern, weil Institutionen nur noch formal aufrecht erhalten werden, die in ihrem Innern längst ausgehöhlt sind.

Wie beschleunigt man die Revolte?

Es stellt sich bloß noch die Frage, wie man diese Revolte beschleunigt? Wie man den Schuldentilgungsmythos überwindet? Wie man die Bank besetzt? Graeber, so fantastisch seine politischen Vorstellungen gelegentlich sind, liefert auch darauf eine Antwort – und die ist noch spannender als das argumentativ nicht durchgehend überzeugende Schulden-Werk. „Inside Occupy“ ist der Erfahrungsbericht aus der Entstehungsphase einer Bewegung, deren zweite Welle gerade anrollt. Es ist ein vergleichsweise kleines Buch, aber es ist so dermaßen als Handlungsanleitung angelegt, dass der Verlag ihm ein kleines Heftchen beigelegt hat, einen „Revolutions-Guide“, der bei den Protesten in Frankfurt am Wochenende auch tatsächlich rumgereicht wird, was wiederum verboten gehörte.

Graeber ist im vergangenen Sommer in seinen Semesterferien von London, wo er am Goldsmith College lehrt seit 2007 sein Vertrag an der Yale University nicht verlängert wurde, nach New York gereist und hat nach alten Bekannten aus seiner Aktivistenzeit zu Beginn des Jahrtausends gesucht, als er sich in globalisierungskritischen Kreisen engagierte. Er entdeckte sie bei ziemlich traurigen Versammlungen an der Südspitze Manhattans, setzte sich mit einigen von ihnen ab, um eigene Versammlungen abzuhalten und fand sich eines Nachts im August an seinem Computer wieder, wie er eine Email schrieb, um sie über den Verteiler zu schicken, und darin diesen Satz formulierte: Wir sind die 99 Prozent.

Graebers Kernpunkt ist, dass die amerikanischen Politiker (und nicht nur die) käuflich geworden sind, dass sie nicht mehr für die Bürger Politik machen sondern für jene, die ihre Wahlkämpfe finanzieren, deren wirtschaftliche Interessen sie dann durchsetzen (womit man wieder bei den Schulden wäre). Graeber hält mit der direkten Demokratie dagegen, mit dem organisierten Anarchismus und mit unschätzbar guten Ratschlägen für alle, die wissen wollen, wie man Versammlungen mit unzähligen Diskutanten fair und effizient organisiert und wie man Farbbeutel über Polizeiketten hinweg auf die Markisen von Nobelkaufhäusern wirft, ohne wen zu verletzen. Wie man eben eine Revolte macht.

Banker: Besetzt die Banken!

In Frankfurt kann er all das beobachten und ist begeistert, weil er hofft, dass Occupy irgendwann klassenübergreifend wirkt, dass die einfachen Banker irgendwann selbst die Banken besetzen. Für David Graeber ist der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte, er ist eine Laune. Und die kann auch mal umschlagen.

Ende des Kopierens.
Anfang des Nachdenkens.
(c)casus. 2012
Foto: David Graeber, cc-Lizenz, wikipedia

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