Chinesische Ameisen und Caipiroschka – die Dollarmilliarden.

„Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö“

Von Massawa in Eritrea am Roten Meer führt uns der Weg nach Süden, immer entlang der Straße Nummer 3.
Ziel ist Mombasa an Kenias Ostküste zum Indischen Ozean. Zu den Seychellen kann man dann fast über das Wasser laufen!
Noch aber haben wir hunderte von Kilometern auf der als Straße No. 3 ausgewiesenen Südtangente vor uns; sie gleicht jedoch eher einer künstlich angelegten Huckelpiste für crossinteressierte Wüstenrallyeverrückte. Alle paar Dutzend Meter springt das Heck unseres Moyale Raha Mini-Busses einen Meter in die Luft; mein indischer Sitznachbar lächelt dann jedesmal mitleidig herüber, sein Turban verhindert Schlimmeres.
Die ersten 500 Kilometer hat der vollbesetzte Vierzylinder trotzdem überstanden, er scheint die Tortur gewohnt zu sein.
Foto: Josip Zg. (Kroatien)

Dabat am Horizont, fast noch in Sichtweite der Ausläufer des Sämen Nationalparks (Simien Gebirge), fahren wir plötzlich wie auf leisen Sohlen. Auch ist das bisher unhörbare Autoradio deutlich zu vernehmen. Rodriguez, unser ansonsten stumm vor sich hinstierender Fahrer, summt die afrikanischen Melodien stilsicher mit. Ich beginne, meine bisher den Kopf schützenden Hände, ebenfalls leicht im Rhythmus der Musik schwingen zu lassen.
Jetzt ist sogar Konversation im Bus möglich und wie auf Kommando dreht sich Aroras, der Turban-behauptete Mitreisende, zu mir um und erklärt in akzentfreiem Englisch, während er mit den Armen besonnen gestikuliert:
„Die neue Straße haben chinesische Auswanderer gebaut. Diese müssen es ja können, denn ihre das Land durchziehende Mauer ist noch heute gut erhalten. Solche Bauherren braucht der neue Kontinent.“

Auch wenn Aroras hier einiges verwechselt, so ganz unrecht hat er nicht.
Es sind keine Auswanderer, es sind chinesische Firmen, die in den afrikanischen Kontinent schon seit Jahren investieren und sich damit Zugang zu den Menschen, den Unternehmen, den Stammesältesten, den Regierungen und damit auch zu den Bodenschätzen des Schwarzen Erdteils sichern. Während das alternde Europa punktuell in medizinische Vor-Ort-Versorgung, Brunnenbau und Schulen investiert, nehmen die Chinesen Milliarden von Dollar in die Hand, nutzen das dann gebildete Personal und schaffen die Voraussetzungen für eine Infrastruktur, die demnächst riesige Gewinne aus Bodenschatzabbau und Wirtschaftstätigkeit verspricht.
Während in unseren Breiten mit Steuermilliarden Banken und Banker gefüttert werden, setzt China auf Entwicklung und Zukunft. Ein teuflischer Unterschied, der sich schneller als befürchtet rächen wird.

Aroras scheint meine Gedanken zu erraten, denn obwohl sie unausgesprochen bleiben, philosophiert er plötzlich über das indische Wirtschaftswunder und darüber, dass es wohl doch noch ein par Dutzend Jahre länger dauern wird bis Indien tatsächlich zur Nummer Eins der Industrienationen herangereift ist. Dabei bemerke ich einen traurigen Unterton; vielleicht hat er diese Hoffnung auch schon aufgegeben. Das rettende Ufer kommt nicht näher und wie ein Ertrinkender klammert er sich wohl an jede neue Welle. Das Land aber entschwindet immer wieder.

Wir haben das Zentrum von Dabat erreicht. Den Staub der letzten hundert Kilometer spülen wir hier mit einem Dawa herunter, diesem erfrischenden Limettengetränk, das an das heimische Caipiroschka erinnert; den russischen Wodka vermisse ich nicht wirklich.
Noch schnell einige Fotos geschossen, die ich später zunächst ebenfalls vom Dunst der Trockenheit befreien muss. Photoshop für die Staublunge – eine nicht uninteressante Vorstellung.

Rodriguez sammelt seine Schäfchen ein und weiter geht es Richtung Süden, dort wo nach wenigen Kilometern die chinesische Straßenbaufirma noch nicht hingekommen ist. Erst wenn sie hier weiterbauen, wird auch der Turban überflüssig sein.
In Gedanken bin ich schon auf dieser hellblaufarbenen Hochseejacht, die mich von Mombasa zu den Seychellen schweben lassen wird. Dann sind alle Strapazen vergessen, ich werde an der Bugspitze sitzend mir den Bauch von der aufspritzenden Gischt kitzeln lassen, während auf dem Kontinent hinter mir die chinesischen Ameisen das Land erschließen.
Das Leben kann so schön sein.
(c)casus. 2012
Das Foto hat der Weltreisende Josip Zg. aus Kroatien gemacht. Ihn und seine Bilder trifft man an jeder Straßen- und Wüstenecke auf unserem Globus.

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