»Der Politische Asche-Mittwoch«­ Folge 56 ‘Die Wanze an jeder Ecke’

Knapp fünfeinhalb Meter weit springt der erste Sportler, dessen Ergebnis urkundlich erwähnt ist. 1968 springt Bob Beamon ins nächste Jahrtausend, glaubte man. 8,90 Meter und damit rund einen halben Meter weiter als der bis dahin bestehende Rekord. Er beamte sich sozusagen über die Jahrhunderte. Aber denkste, gerade mal 20 Jahre später verbessert Mike Powell diese unglaubliche Weite um weitere 5 Zentimeter.

Ähnlich geht es uns mit George Orwell und 1984. Über die dort verbreitete Horrorvorstellung eines nahezu perfektionierten Überwachungssystems können wir heute fast nur noch lachen, wenn es nicht so maßlos traurig wäre, was Menschen sich für Menschen ausdenken. Das Orwellsche Durchsichtigkeitssystem ist längst übertroffen und wird weiter ausgebaut. Nur merken es nicht alle oder wollen es nicht merken.
Der Lieblingssatz: Ich habe nichts zu verbergen! Dabei entscheiden das immer andere…

Aktuell wird auf EU-Ebene an einem „intelligenten Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Erfassung für die Sicherheit der Bürger in städtischer Umgebung“ gebastelt, kurz Indect.
Wer von diesem System gescannt wird, hat null Chance der Speicherung seiner Privatsphäre zu entgehen.
Mit wenigen Worten charakterisiert, muss man sich das folgendermaßen vorstellen:
Jede „abnormale“ Aktion, jede „ungewöhnliche“ Bewegung in der Öffentlichkeit wird automatisch registriert und an die auswertende Stelle weitergeleitet. Das kann das Stolpern über einen Bordstein sein, wobei ein Passant gerempelt wird oder das Ablegen des Rucksacks an einem Springbrunnen, um sich ein wenig zu erfrischen. Die empfangende „Stelle“ ist dabei mitnichten eine Person in einer Sicherheitsfirma o.ä., wie das bisher der Fall war. Die empfangende Stelle ist ein Computer bzw. ein elektronisches Auswertenetzwerk. Inklusive aller technischen Unzulänglichkeiten.
Passend zu den Freigiebigkeiten der user in Sozialen Netzwerken werden mit hochauflösenden Überwachungskameras und der entsprechenden Gesichtserkennungssoftware erstellte Passantenprofile mit den Daten aus facebook & Co. verglichen, ergänzt und zu vielleicht richtigen Ergebnissen zusammengeführt.

Unter dem Vorwand der terroristischen Gefahrenabwehr werden einerseits Kritiker mundtot gemacht und in der Bevölkerung diskreditiert andererseits längst installierte und teils flächendeckend eingesetzte Überwachungskameras genutzt.
Die derzeit medial ausgeschlachtete Datenschutzargumentation wird dabei elegant umgangen. Daten werden nicht mehr gespeichert sondern in real time ausgewertet, zu neuen Profilen zusammengeführt und das dann entstandene Konstrukt kann beliebig verwendet werden. Möglich ist ein unmittelbar folgender Drohneneinsatz gegen den abgestellten Rucksack noch während sich unser Student im Brunnenwasser erfrischt und kein Auge auf seine Abschlussarbeit in eben dieser Schultertasche hat. Zwei Minuten später hat es hinter ihm kurz geknallt, die Stichflamme ist schon wieder verloschen und der Professor wird weiter ungeduldig auf die Fleißarbeit seines Beststudenten warten müssen.
Soweit ein – konstruierter, aber nicht unmöglicher – harmloser Fall.
An einen vor einem Supermarkt abgestellten Kinderwagen möchte ich an dieser Stelle lieber nicht denken.

Wer glaubt, dies alles sind Hirngespinste eines vom Wahn Verfolgten, dem sei ans Herz und in den Mund gelegt, das Projekt ist bereits Realität und gerade erst wurden weitere 15 Millionen Euro zur Verfeinerung der Infrastruktur von Brüssel locker gemacht.

Anders als bei Waffen- und Rüstungsexporten, die vor dem Geschäft angemeldet und genehmigt werden müssen (sollten sie jedenfalls), wurden hier die sog. Dual-Use-Bestimmung klammheimlich im Großindustriesinne gelockert, eigentlich fast abgeschafft. Exporte von Überwachungstechnik und -technologien müssen erst 30 Tage nach der Ausfuhr angemeldet werden!!!

Facebook hat angekündigt und möglicherweise bereits damit begonnen, Profile, die nicht mit dem Klarnamen und korrekten Daten des account-Inhabers angelegt und betrieben werden, zu löschen. Das ist das Ende – nein, nicht von facebook, sondern von so phantasievollen usern wie „Lori Jo“ und „Claire Grube“.
Wer noch immer nichts zu verbergen hat, der kann ja heute Nacht seine Schlafzimmertür offen stehen lassen; dann klappts auch mit der Nachbarin.
(c)casus. 2012
Mehr Informationen zB. auf InfoSperber

Artikel scannen?