Episode Fünf – ‚Frauen bumsen öfter‘

„Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö“

Es ist Dienstag früh am morgen. Die halbe Stadt scheint auf dein Beinen. Standortwechsel ist angesagt. Raus aus dem Haus, mit Bimmel oder Auto auf Arbeit. Der übliche Kleinstadttrubel.

Und trotzdem ist heute irgendwie alles anders. Oder wenigstens einiges. Die Sonne steht noch tief überm Horizont, strahlt aber schon übers ganze Gesicht, als wollte sie sagen, wartet nur, ich zaubere euch schon einen herrlichen Tag.
Alle werden davon nicht profitieren.

Mein Weg ohne Bimmel und ohne Auto führt mich quer durch die Stadt vom Osten ins Herz Grünaus, das liegt diagonal im Westen. 15 Kilometer Fahrradluftlinie hin und am Abend wieder her. Bei so schönem Wetter wie heute morgen das reinste Vergnügen.

Weniger amüsiert zeigen sich all jene, die mehr als vier luftbereifte Räder unter dem Hintern ihr eigen nennen und sich durch eine Armee von roten Ampeln durchwuseln müssen. Es gibt Besseres als Leipzig im Berufsverkehr.

Mein Weg wechselt in schöner Regelmäßigkeit zwischen Fußwegen, Radwegen, Waldwegen, schmalen und breiten Straßen, Brücken und diversen anderen Hindernissen, mal auf der linken, mal auf der rechten Straßenseite, mal die Einbahnstraße von vorn, mal von hinten entlang. Die Straßenverkehrsordnung hält für Radfahrer viele Schlupflöcher und Ausnahmeregelungen parat.

Ich kreuze die Messeallee an der Ampel zur Berliner Brücke, eine unübersichtliche, verkehrsplanerisch gesehen, komplette Fehlkonstruktion. Der Fußgänger und Radfahrer muss auf der linken Straßenseite den wenige Meter breiten Überweg in beiden Richtungen belaufen und befahren, straßenmittig anhalten, auf die nächste Ampelphase warten. Der gegenüber auf Grün wartende Fahrzeugverkehr ist nur bei Rot und grünem Blechpfeil so einigermaßen sicher, dass kein Zweirad seine freie Fahrt stört. Bei Grün stürmen alle gleichzeitig auf den Kreuzungsbereich, der Rest ist gegenseitiges Belauern.
Ich kenne das tägliche Chaos an dieser Stelle mittlerweile recht gut, bin auf (fast) alle Unwägbarkeiten gut vorbereitet.
Doch heute kommt die liebe Sonne erschwerend hinzu. Sie steht um diese Morgenstunde so goldig tief, dass mein Schatten – ich hab sie im Nacken – fast über die ganze Kreuzung reicht. Meine Gegenüber sehen entweder mich oder den Feuerball. Und prompt biegt auch der weiße Kleinlaster direkt vor meiner Nase rechts ab. Das ging nochmal gut. Der ihm nachfolgende Verkehr ist nicht besser dran. Ich fahre langsamer als die Füßgänger laufen und trotzdem bremst der schwarze PKW erst in letzter Sekunde, lässt mich jetzt endlich, die berechtigte Vorfahrt gewährend, unaufgeregt vorbei. Ich hab den Überweg unbeschadet überstanden und bin schon runde fünfzig Meter weiter gefahren, da klingt etwas in meinen Ohren nach. Ein Geräusch, das dort nicht hingehört, das ungewohnt ist. Ich dreh mich um – alles scheint normal.
Doch halt, der schwarze PKW steht noch immer dort, wo er mir die Vorfahrt gewährte. Dahinter ein Kleinwagen.

Ich fahre noch einmal zurück.
Die Lenker der beiden Autos begutachten das zersplitterte Plastik, der eine das an seiner Heckstoßstange, die andere das an ihrem Frontflügel. Grün ist eben nicht gleich Grün. Erst recht nicht bei tiefstehender, goldener Morgensonne.
Ich zeige mein ehrliches Bedauern und hinterlasse einmal mehr meine Telefonnummer.

Die restlichen 40 Minuten bis in den Leipziger Westen verlaufen unaufgeregt. Die Sonne steht inzwischen höher. Das bekommt besser und es zeigt sich erneut, dass nicht jeder, der mit seiner Versicherung ins Bett geht, auch bumst.
(c)casus. 2012