Mein Kumpel ist schwul.

Hätte ich begonnen „mein Freund ist schwul“ – was durchaus die Tatsachen widerspiegelt – hätte jeder doch gleich gesagt, alles klar, muss ich nicht weiterlesen. Ich weiß Bescheid. Also degradiere ich ihn jetzt für 50 Zeilen zum Kumpel. Muss er durch.

Wir kennen uns schon aus der Schulzeit, haben in jeder Pause auf dem Gellertplatz gekickt, meist mit alten Tennisbällen und der Parkbank als Torersatz. In der Stunde davor und danach hat mal er von mir, mal ich von ihm abgeschrieben. Erwischt wurden wir meist nicht und wenn doch, dann gings ans Eingemachte. Unser Klassenleiter war da erbarmungslos. Gott – oder wer auch immer du sein magst – hab ihn selig.
Mein Kumpel also, ja, er ist wirklich so ein klitzekleinwenig anders.
Neulich demonstrierte er wieder in Berlin und ließ uns allein zurück, am Stammtisch. Die Zeiten sind gut, meint er, und er bekomme schon sein Recht.
Mit der gesetzlich jetzt verbrieften Gleichbehandlung monogeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, er selbst sagt immer „Homoehe“, gaben ihm und seinen Freunden die Bundesrichter auch erneut ein Mehrstückchen recht. Das Demonstrieren lohnt, wird er zum nächsten Stammtisch tönen.
Ich gönne es ihm; der Stammtisch sieht es mehrheitlich anders.

Schwammi* (sein Name ist geändert) macht schon sein Ding, sein Lebensding. Oh Mann, die Wortwahl ist entscheidend. Es ist ja nicht wichtig, was ich meine, sondern was ihr versteht. Also, Schwammi kommt schon durchs Leben.
Er will jetzt allen ernstes Heiraten.
Nein – nicht doch mich. Ich sagte doch, er ist mein Kumpel, nicht meine Ehemannfrau. Das muss ich unbedingt klären, wenn er wiederkommt (Hört doch auf, das Wort ist zusammengeschrieben!). Ich will wissen, hat er einen Ehemann oder eine Ehefrau. Ach herrjeh, das ist nicht ganz einfach. An was man alles denken muss, an jeder Ecke wartet ein Fettnäppchen.
Schwammi also wird Ehemann oder Ehefrau, lassen wir es vorerst dahingestellt (auch zusammengeschrieben).
Jetzt wird er aber auch noch Vater; oder Mutter?
Irgendwie fehlt mir nun echt der Durchblick. Bisher war für mich immer Prometheus der einzige Mann, der ein Kind ausgetragen hat; im Oberschenkel, wenn ich mich recht erinnere. Schwammi macht das jetzt auch? Egal, ich freu mich für ihn. Mit kleinen Kindern macht das Spielen im Sandkasten ja doch mehr Spaß.

An dieser Stelle benötige ich dann aber etwas mehr Aufklärung.
Unsere Politoberen wollen Schwammis Ehe steuerlich mit der Hetero-Ehe gleichbegünstigen (zusammengeschrieben), Ehegattensplitting4all. Ganz abgesehen davon, dass landläufig die Gleichmacherei einer anderen Epoche zugesprochen wird; auch sollte ursprünglich das Kinderzeugen in der „klassischen“ Familienehe den rein bevölkerungspopulationären Überlebenseffekt des Staates garantieren. Der Anreiz war hier das Steuersplitting, da der abarbeitbare Ehekredit.
Wenn Schwammi sich jetzt mit seiner Frau oder seinem Mann auch splitten darf, wer bekommt dann die Kinder?
So ein paar abgestempelte Politiker fragen das auch, aber das sind wohl eher die, die auch bei Jasmin in der Merseburger Straße 115 ein- und ausgingen (auch zusammengeschrieben). Zu denen gehöre ich nicht, definitiv.

Doch die Frage bleibt.
Ich lehne mich deshalb mal etwas weiter als üblich aus dem Fenster und fordere – wenn schon Steuersparen, dann für die Kinder, nicht die Alten.
Und schwupps, schon kriegt Schwammi auch was ab, wenn er Kinder adoptiert, die sonst ohne Familie aufwachsen würden. Ich muss mich dann auch nicht outen und zugeben, dass ich ein Ehegattensplitting für gleichgeschlechtliche, verheiratete Lebenspartnerschaften nicht nachvollziehen kann. Aus den genannten Gründen.
Kinder an die Macht, in der Familie, beim Steuernachlass, überall.
Aber nur, wenn sie schön brav sind und auf Mama und Papa hören. Auch auf Papa und Papa.

Endlich, da kommt Schwammi; polternd kracht die Kneipentür wieder ins Schloss und er mitten im Raum, in voller Pracht. „Berlin war Berlin und Gesetz ist Gesetz. Jetzt hab ich Durst“ meint er. Komischerweise schwingt er sich quer über die Lehne springend auf seinen Stammplatz. Das kam schon lange nicht mehr vor. Nur ganz früher, als er noch so wie wir war.

Sein Freund hat eine andere! Wir sind fassungslos.
Schwammi kippt wie in alten Zeiten, ein Bier zwei Kurze, zwei Kurze ein Bier…
Und er ist traurig. Er müsse von vorn anfangen und sich künftig mehr schonen. Und jeden Tag pünktlich 16 Uhr den Stammtisch verlassen, weil sein niedlicher Kräuselhaaradoptivnachkömmling in der Schule abgeholt werden muss. Er ist allein, mit Kind. Die Demos für Alleinerziehende sind woanders, schluchzt er.
Wir staunen und halten vorsichtshalber die Klappe, er macht das schon.
Nur mit dem Kicken auf dem Gellertplatz wird es nun schwieriger. Schwammi trägt Verantwortung. Für keinen Mann, aber sein Kind.
Er ist ein ganz Lieber.

PS. Auf dem Gellertplatz wird wieder gekickt. – Immer, wenn Schwammi es nicht pünktlich bis um Vier geschafft hat.

Noch immer mit den historischen Parkbänken, die schon Generationen von Schülern als Fußballtor gedient haben.

Der Gellertplatz heute.

(c)casus. 2013