‚Lebens-Zeichen‘ Folge 1


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Helene   1929 – 2016

Helene wurde 1929 als Tochter von Charlotte und Karl in Leipzig geboren.
Sie war das zweite Kind der Familie. Ihr älterer Bruder Kurt ist mittlerweile bereits verstorben.

Ihre Kindheit verlief ganz normal für eine Kindheit in ihrer Zeit. Sie wuchs heran, besuchte acht Jahre lang die Volksschule und lebte das damals eben übliche Leben eines Mädchens in Leipzig. Natürlich verbrachte sie auch gerne sehr viel Zeit außerhalb ihrer Familie mit ihren Freundinnen. Zwei dieser Freundinnen leben heute noch. Mit ihnen war sie bis zu ihrem Tod freundschaftlichst verbunden. Eine andere Freundin aus ihrer Kinder- und Jugendzeit war Ursula, die auch leider bereits verstorben ist. Das Haus, in dem Helene aufwuchs, überlebte glücklicherweise die Zerstörungen des Krieges. Die Familie konnte so dort auch nach dem Krieg bleiben, den sie ohnehin unbeschadet und ohne persönliche Verluste überstehen durfte. Die Männer der Familie, Vater Karl und Bruder Kurt, kamen gesund und wohlauf von der Front zurück. Ein Glückssegen lag wohl über dieser Familie in diesen grausamen Zeiten. Nach der Schule absolvierte Helene ein Pflichtjahr auf dem Lande. Ein solches Jahr war damals üblich für die heranwachsenden Kinder dieser Zeit.

1945 nahm Helene eine Lehre als Stickerin auf. In diesem Beruf war sie vielfältig tätig. Mal in einer Firma, mal in Heimarbeit. Anfang der 50er Jahre machten sich bei Helene jedoch Symptome eines Schilddrüsenleidens bemerkbar. Ein Leiden, welches ihr weiteres Leben mitbestimmen sollte, nur war ihr das anfangs natürlich noch nicht klar. 1951 wurde sie deshalb an der Schilddrüse operiert. Bei diesem Eingriff wurde ein Stimmbandnerv verletzt. Dadurch bewahrte sie sich zwar ihre jugendliche Stimme, aber sie litt seitdem fortwährend, mal mehr mal weniger, unter Luftknappheit und Atemschwierigkeiten. Dieses Handicap zog sich durch ihr gesamtes Leben. Eine Beeinträchtigung, die sich hin und wieder in bestimmten Situationen bemerkbar machte. Eine ständige Belastung, die – leider völlig unbeachtet – im Laufe der Zeit auch Einfluß auf die Kraft ihres Herzens nahm. Ansonsten blieb Helene von weiteren beachtenswerten oder erwähnenswerten Krankheiten verschont. Ihr war es immer wichtig und auch vergönnt, das, was ihr Leben war, selbst zu gestalten. Dabei neigte sie auffallend dazu, aus der Not, soweit es eben möglich war, immer eine Tugend zu machen. Eine Eigenschaft, eine Einstellung, die sie ihr Leben lang beibehielt, die einen großen Teil ihrer charismatischen Stärke ausmachte. Manchmal stand da gar keine Absicht dahinter, dann half eben der Zufall etwas nach.

Bei ihrem Krankenhausaufenthalt während ihrer OP war es nicht mal mehr ein Zufall, sondern ein großer positiver Schicksalsfingerzeig. Denn dort lernte sie ihren Walter kennen, der ebenfalls wegen einer anderen Krankheit zu diesem Zeitpunkt dort operiert wurde. Walter kam aus einem kleinen sächsischen Dorf. 1952 zog er zu ihr nach Leipzig, wo der gelernte Bäcker begann, beim Gleisbau zu arbeiten. Im selben Jahr heirateten die beiden. 1953 wurde ihr Sohn Matthias geboren. Bis 1962 lebte die kleine Familie ihren Alltag im Leipziger Osten. Matthias´ Kindheitserinnerungen wurden sogar einmal in der LVZ verewigt, später in einem Buch mit dem Titel „So war das damals …“. Da lässt sich das, was mit Alltag gemeint ist, sehr gut nachlesen und anschauen. 1962 dann verzog die Familie aus ihrer Altbauwohnung in eine neuere Genossenschaftswohnung, wo Helene bis zu ihrem Tod lebte. Nach diesem Umzug begann sie im Geräte- und Reglerwerk Leipzig, der damaligen Elektronik, zu arbeiten. Verantwortlich für die Organisation von benötigten Materialien zur Produktion war sie dort als Disponentin tätig. Diesen Beruf übte sie bis zur Rente aus. Und mit der Rente kam die Wende …

Das Ehepaar führte durch die ersten Jahrzehnte ein ausgesprochen harmonisches und ein eigentlich typisches DDR-Familien- und Eheleben. Alles ging seinen Gang, alles entsprach dem Charakter einer bestimmten Normalität und Stabilität. Selbst der Urlaub führte jedes Jahr in dasselbe Quartier in der Sächsischen Schweiz. Walter ging gerne wandern und die Familie genoss diese Zeit der gemeinsamen Erholung sehr. Vor allem die gemeinsam  miteinander verbrachten ganzen Tage ohne Arbeitsleben. Für Matthias waren sie ein alljährliches willkommenes Abenteuer. Diese Jahrzehnte waren auch eine Zeit der inneren Ruhe. Weder von außen noch von innen strömten Belastungen auf dieses Familienleben ein. Mitte der 70er kam Matthias zur NVA, danach zog er von zu Hause aus. Und bereits 1976 kam das erste Enkelkind, Anja, auf die Welt.

(c)Andreas Hähle, 2018

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