‚Lebens-Zeichen‘ Folge 2


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Rainer   1932 – 2015

Es war ein Leben im Sinne des Gehens auf einem geraden Weg. Etwas, was durch das Leben selbst nicht gelingt, nicht gelingen kann. So entwickelt sich manchmal aus dem Weg eine Struktur, an der man festzuhalten versucht ist, aber auch eine Suche und ein Entdecken. Und aus dem Gehen wird ein Kampf. Ein starker Mensch entwickelt sich so zu einer Kämpfernatur.

In jedem Leben sind Entscheidungen zu treffen, richtige und falsche. Am Ende ist entscheidend, für wen man etwas tut, mit welchem Ansinnen, ob nur für sich oder auch für andere oder nur für andere. Und manchmal auch, wie man etwas tut. Rainer war jemand, der sowohl für andere als auch für sich selbst lebte. Es gab eine ihm innewohnende Liebe, die ihn dabei leitete, von der er nicht ließ, die er aber auch zu seinem Leidwesen und dem der Menschen, die ihn umgaben, manchmal einfach nicht zu zeigen vermochte.

Rainer wurde 1932 im sächsischen Freiberg geboren, wo er in einfachen Verhältnissen aufwuchs und die Schule besuchte. Seine Mutter war Verkäuferin, der Vater arbeitete bei der Reichsbahn. Er war der älteste von drei Brüdern. Jedem dieser Brüder wurden unterschiedliche Talente und Charakterzüge zuteil. Rainer entwickelte sich zu einem rational denkenden und handelnden Menschen; Hans zu einem Künstler; Joachim ist der Natur sehr verbunden. Trotz dieser Unterschiedlichkeiten in den Charakteren war das Verhältnis der Brüder ein sehr enges. Seine empfundene Liebe und Achtung vor den Brüdern konnte Rainer als rationaler Mensch leider nicht immer so ausdrücken, wie er es gewollt hätte, doch man spürte die Emotionen, wenn er über sie sprach. Die Malereien von Hans schmückten seine Wohnung.

Nach dem Krieg musste Rainer schon in jungen Jahren im Haushalt kräftig anpacken und helfen, die Familie in diesen schwierigen Zeiten über Wasser zu halten. Bereits mit 12 Jahren erlernte er jedoch auch das Schachspiel, welches sein Leben fortan mit bestimmen sollte. Bis Ende 2014 spielte er noch aktiv Schach. Ja, noch mit über 80 beteiligte er sich an Turnieren dieses anspruchsvollen Denksports.

 

Nach der Schule absolvierte er die Finanzfachschule in Leipzig. Dem folgte ein Hochschulstudium in Babelsberg. Er war im Rat des Bezirkes Leipzig tätig. Danach arbeitete er als Hauptbuchhalter und Planungsleiter in einem größeren Kombinat. Rainer war in der DDR politisch sehr engagiert, er war Mitglied der SED. Im Zuge der Wiedervereinigung verließ er desillusioniert die Partei, doch blieb er bis an sein Lebensende stark politisch interessiert. Dieses politische Interesse teilte er mit seinem Sohn Klaus. Oft war es eine Grundlage für gemeinsame Gespräche und Diskussionen. Nach der Wende wirkte Rainer an der Abwicklung seines Kombinats mit, bevor er in den Ruhestand ging. Er unterstützte seinen Sohn Klaus in den ersten Jahren nach der Gründung von dessen Firma mit seinen Erfahrungen und durch aktive Mitarbeit. Diese Firma ist heute ein weltweit agierendes Unternehmen.

1954 heiratete er Isolde. In diesem Jahr kam auch Klaus auf die Welt. 1961 folgte die Tochter Antje, 1965 die Tochter Iris. Fünf Enkel wurden inzwischen geboren.

1956 zogen Isolde und Rainer von Großpösna nach Leipzig. Die drei Kinder fühlten sich in dieser Familie gut aufgehoben und geliebt. Klaus konnte bereits mit 5 Jahren bei seinem Vater das Schachspiel erlernen. Auch für ihn war diese frühe Berührung mit Logik und rationalem Denken lebensprägend. Der Vater erschien den Geschwistern mitunter recht ungeduldig und fordernd, was sich wohl darauf zurückführen lässt, dass er alles, was er tat, sehr ernst nahm. Ungeduld mag bei den einen als Charakterstärke empfunden werden, bei anderen als Charakterschwäche. Rainer war ein Mensch, der wusste, was er wollte und auch wusste, was er von anderen erwartete. Für den seelischen Ausgleich braucht man als Pendant zur Ungeduld die Geduld, um daraus etwas Rundes, etwas Ganzes zu schaffen, eine Einheit, eine Familie. Durch Liebe und Hingabe aller beteiligten Personen zueinander. Rainer vermochte es auch immer wieder, aufkommende und im Raum stehende Differenzen durch seinen charismatischen Humor aufzulösen. Sein Interesse an den unterschiedlichsten Brett- und Kartenspielen, seine Zaubertricks und seine Liebe zur Literatur und zur Musik bereicherten das Familienleben. Neben dem Schachspiel interessierte sich Rainer später auch sehr für das asiatische Brettspiel Go. Sein Enkel Steffen schloss tatsächlich ein Go-Studium ab, woran Rainer mit Sicherheit alles andere als „unschuldig“ war. Seine Liebe zu den Büchern prägte alle Kinder. Die Musik bestimmte vor allem Antjes Werdegang. Rainer prägte seine Familie und es ist sicher, dass sehr sehr viel von ihm in den Wesenszügen und in den Vorlieben seiner Nachkommenden weiter gelebt und weiter gegeben wird. Das in einem Leben erreicht zu haben, ist etwas Großartiges und hat eine tiefe Bedeutung in den Herzen, die unvergänglich ist.

1981 ließen sich Isolde und Rainer scheiden. Das Verhältnis beider beruhte jedoch auch danach auf gegenseitigem Respekt. Rainer lebte seitdem alleine. Seine Hauptbezugsperson wurde nun die Tochter Antje, seine Freude die gemeinsamen Musik- und Literaturabende. Als seine Tochter Iris sich entschied, zu ihrem Mann nach Syrien zu ziehen, unterstützte er sie bei der Finanzierung lebenswürdiger Wohnbedingungen. Mit Interesse und Stolz verfolgt er die Entwicklung seiner dort aufwachsenden Enkel.

2005 verstarb Antje durch einen Unfall, ein tragischer Verlust. Für die Eltern zerbrach in diesem Moment nicht nur ein Teil der Welt, sondern die Welt im Ganzen.

Rainer hatte in seinem Leben sehr viel geschafft und erreicht, aber auch sehr viel verloren. Doch hörte er niemals auf zu kämpfen.

Gegen Ende seines Lebens verschlechterte sich Rainers gesundheitlicher Zustand zusehends. Seit einem Schlaganfall hatte er Koordinationsprobleme und Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Beweglichkeit und Selbständigkeit wurden eingeschränkt. Spätere Durchblutungsstörungen in den Beinen machten mehrere operative Eingriffe bis hin zur Amputation erforderlich. Ein Kampf der ganz besonderen Art und Härte. 2013 zog er ins  Betreute Wohnen um, wo er sich sehr wohl fühlte und seinen Humor an den ihn betreuenden Schwestern testete. Mit Freude erlebte er noch, dass es Iris und ihren Töchtern gelang, das von Krieg überzogene Syrien zu verlassen und sicher nach Deutschland zurückzukehren. Im Januar 2015 kam er aufgrund von Lungenproblemen erneut ins Krankenhaus. Der anschließende Aufenthalt in der Reha Klinik im September schien erfolgreich. Er spielte dort übrigens – und gewann – seine letzte Schachpartie gegen den Stationsarzt. Doch leider wurden kurz vor der geplanten Entlassung weitere operative Eingriffe erforderlich. Diese schwächten ihn sehr. Auch das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation spielte ihm hart mit. Immer wieder versuchte er sich aufzubäumen und weiter zu kämpfen, wie er es sein Leben lang gewohnt war.

Ende 2015, wenige Tage nachdem er doch noch wieder nach Hause…

(c)Andreas Hähle, 2018

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