‚Lebens-Zeichen‘ Folge 3


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Fritz   1945 – 2016

Fritz wurde 1945 geboren. Noch im Krieg das Licht der Welt erblickend, verbrachte er eine ganz normale Nachkriegskindheit. Mit gleichaltrigen Freunden zog er durch Leipzigs Straßen und machte sie mit ihnen unsicher. Wie Jungs eben so sind. Ab und zu besuchte er – und das sehr gerne – seinen Großvater in Probstheida, der für ihn interessanterweise eine Schmiede betrieb. Nach dem Abschluss der Schule begann er eine Lehre als Dampflokschlosser, die er nach zwei Jahren erfolgreich beendete. In Engelsdorf arbeitete er in diesem Beruf im Reichsbahn-Ausbesserungswerk, im RAW. Sein großer Traum aber war es, eines Tages ein Lokführer zu sein. Um sich diesen Traum erfüllen zu können, musste er sich nicht nur als sehr guter Schlosser bewähren. Man vertraute ihm vorerst die Tätigkeit als Heizer an. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Berufsbegleitend machte er dann tatsächlich eine Ausbildung zum Dampflokführer. 1967 wurde sein großer Traum Wirklichkeit. In diesem Jahr wurde Fritz Lokführer. Er war erst Triebfahrzeugführer, dann Dampflokführer, dann Diesellokführer. Von 1990 bis1992 fuhr er überwiegend E-Loks. Die Zeit der Dampfloks war ja da schon vorüber und die Sprünge des technischen Fortschritts waren bei der Eisenbahn immens.

Mit seinen Kollegen verstand er sich prima, die Eisenbahner gelten ja auch nach außen hin als so etwas wie eine eigene Gilde. Und natürlich gingen die Kollegen auch gerne mal gemeinsam aus. So geschehen auch 1981, als im Stötteritzer Schreberheim eine Rosenmontagparty stattfand. Dort begegnete Fritz zum ersten Mal seiner künftigen Frau Marion. Marion hatte eigentlich gar keine Lust, an diesem Tag dorthin zu gehen, aber es war eine FDJ-verordnete Veranstaltung und sie wurde, wie einige andere Mädels auch, dorthin delegiert. Für Fritz war es eine Art Betriebsfeier. Die Männer von der Eisenbahn gingen dort sehr gerne mal hin. Vielleicht auch einfach, um mal zu schauen, wen man dort trifft und was dann passiert. Fritz passierte an diesem Tag eben … Marion. Sie machte so einen großen Eindruck auf ihn, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte. Aber Marion ging das eher langsam an. Frau kann ja nie vorsichtig genug sein. Doch Fritz hatte es offensichtlich schon auf den ersten Blick sehr ernst gemeint. Fast jeden Tag holte er Marion mit einer roten Rose von Arbeit ab. Das sacht-freundliche Spötteln seiner Kollegen darüber störte ihn nicht im geringsten. Er blieb standhaft und nach und nach war auch Marion doch schwer beeindruckt und verliebt. Dann ging alles sehr schnell. Bereits im selben Jahr zogen die beiden zusammen. Mit der Hochzeit ließen sie sich dann wiederum Zeit. Marion hatte eigentlich gar nicht vor zu heiraten. 1983 fand aber doch endlich die Hochzeit statt. Eine Liebe fürs Leben wurde standesamtlich manifestiert. Kurz zuvor wurde Tochter Beate geboren. Sie heiratete quasi gleich mit. Der sachliche Grund dafür bestand darin, dass die junge dreiköpfige Familie eine Wohnung benötigte und dafür war in der DDR eine Heirat recht nützlich. Fritz konnte es nur Recht sein. Für ihn ging ein weiterer Traum in Erfüllung. Er hätte Marion sowieso am liebsten gleich am ersten Tag der Begegnung geheiratet. Einige Jahre später erweiterte sich das Glück der Familie: 1992 wurde Tochter Nicole geboren.

Die Familie war sehr vielseitig interessiert. Immer wieder waren sie auch in ihrer Freizeit auf Achse. Immer zu dritt, später zu viert. Vor allem nach der Wende, als sich die Grenzen öffneten. Noch mit DDR-Geld in der Tasche ging es auf nach Spanien. Viele ihrer zahlreichen Reisen führten sie nach Skandinavien, wohin es sie fast jährlich lockte. Ein weiterer großer Traum von Fritz war es, einmal die Alpen zu sehen. Dieser Traum wurde auch gleich nach der Wende erfüllt. Das Gebirge hatte Fritz ohnehin sehr gemocht. Auch näher liegende Ziele wurden anvisiert. Fast jedes Wochenende war die Familie irgendwo unterwegs, auf Erkundungsreisen quer durch Deutschland. Viele schöne Orte und Gegenden entdeckten sie, viele Abenteuer konnten sie gemeinsam erleben. Wenn die Reiselust mal etwas sanfter ausfiel, erholte sich die Familie in ihrem Garten. Alles war schön, alles war rund. Eine fröhliche lebenslustige Familie unterwegs durch die Welt. Das ist heute immer noch so und das wird sicherlich auch so bleiben. Auch wenn sich die Familie inzwischen vergrößert hat mit Schwiegersohn Matthias und der Enkeltochter Marie.

An einem Tag im Jahr 1999 wurde mit einem Schlag alles anders. An diesem Tag geschah es, leider nicht zum ersten Mal, dass Fritz einen Selbstmörder überfuhr. Dieses wiederholte Trauma ließ das Fass dieser Erlebnisse bei ihm überlaufen. Er sollte nie wieder Lok fahren können. Er würde auch nie wieder mehr Lokfahrer sein. Der Traum – sein großer Traum – war aus. Er begab sich in psychiatrische Behandlung. Das Leben der Familie veränderte sich mit einem Schlag. Die Leichtigkeit war plötzlich von einem Augenblick zum anderen verflogen. Als hätte jemand eine Uhr angehalten und sie nicht mehr wieder gestellt. Fritz zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Sprechen mochte er mit seiner Familie auch nicht über dieses Trauma. Er war der Meinung, es würde reichen, wenn ihn das allein belaste. Fritz war erst Vorruheständler, dann Rentner aufgrund seiner Erwerbsunfähigkeit. Während die Familie immer daran interessiert war, das „alte“ Leben wieder herzustellen, fehlte Fritz oft die Kraft, diesen so inniglich gewünschten Weg mitzugehen. Auch der Alltag gestaltete sich schwerer.

Einige Lichtblicke gab es aber doch in dieser für alle harten Zeit. Das war vor allem Marie zu verdanken. Das Mädchen schaffte es doch tatsächlich, allein durch ihr Wesen und durch ihre Art, den Opa aus seiner Lethargie herauszuholen, wenn sie mit ihm zusammen war. Als wäre sie der Prinz und er das Dornröschen.

2016 suchte Fritz per Überweisung einen Lungenarzt auf, weil er Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte. Es wurde ein Lungentumor bei ihm diagnostiziert. Einen Tag vor dem geplanten Krankenhausaufenthalt wurde er durch einen Notarzt, der aufgrund heftiger Luftknappheit gerufen werden musste, eingewiesen. Wenige Stunden nach Marions schnellen Besuch bei ihm verstarb er, gebrochen und desillusioniert.

Wenn ein Traum stirbt, wird es leise, ja dunkel. Und mit ihm sterben alle Träume mit. Wie fallende Blätter im Herbst. Der König hat sich schlafen gelegt, der Held, der Träumer, der Mann, der Vater … Sein Lachen schlief.

(c)Andreas Hähle, 2018

Werbeanzeigen