Der Berg ruft – Dort, wo der Adler unter dir schwebt (Teil 2/7)

Der Berg ruft (Teil 2/7)

oder
‚Dort, wo der Adler unter dir schwebt‘

Es ist schon irgendwie atemberaubend, wenn einem die Welt zu Füßen liegt.
In diesem, meinem Fall war es zwar ’nur‘ die Welt unterhalb rund 1.500 Höhenmeter, doch immerhin über den Wolken und über den majestätisch dahingleitenden Adlern, die die Lüfte bis hinunter ins Tal beherrschen.

Wer gestern schon aufmerksam meine ‚Stunde Null‘ aufgesogen hat, weiß, dass ich mir die obere Etage und das Bad in einem stylischen Berghaus mit mehreren Gästen teile. Doch nicht nur deshalb, auch aus purer Gewohnheit, klingelt mein Wecker vor dem Sonnenaufgang und zwar so heftig, dass der Drang nach Kaffee größer als die Lust auf Einfach-Noch-Mal-Umdrehen ist. Man gewöhnt sich tatsächlich an alles, glaube ich.
Das Bad war also meine, der Wasserkocher auch und einem ausgiebigen Morgenspaziergang steht sowieso nichts im Wege.
Trotzdem war ich pünktlich in der Stadt, im Dorf – oder wie nennen wir es?

Saalfelden am Steinernen Meer ist eine Stadt im österreichischen Bundesland Salzburg und ist der Zentralort des Pinzgauer Saalachtals. Die Gemeinde liegt rund 14 km nördlich der Bezirkshauptstadt Zell am See. Mit 16.820 Einwohnern (Stand 1. Jänner 2019) ist Saalfelden die bevölkerungsreichste Stadt des Bezirks Zell am See und nach Salzburg und Hallein die Stadt mit der dritthöchsten Bevölkerung im Bundesland Salzburg. (Quelle: Wikipedia)

Punkt Neun Uhr öffnet der überall empfohlene Sportladen Sport 2000 Simon. Dort hatte ich mir gestern das genau richtige eMountain-Bike reserviert, Ausleihe problemlos, kein Pass, alles auf Vertrauen. Zu Hause unvorstellbar. Allerdings sind 124 € für 4 Tage Extrem-Trail auch nicht unbedingt ein Schnäppchen. Erwartet man aber auch nicht. Das Bike ähnelt meinem zu Hause, nur wird es hier wirklich ausgelastet. So der Plan.

Halb Elf dann endlich geht es wirklich los.
Es sollte eine kleine Tour zum Einstieg werden, analog der Touren zuletzt in den Bayrischen Bergen.
Doch wie es so ist, oftmals ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens und das Vertrauen in die eigene Leistung schnell mal überschätzt. Es sollten laut ‚Biking | The Way‘ zwar dann doch knapp über 28 km werden, was irgendwie zu verschmerzen gewesen wäre, aber 1.510 Höhenmeter, davon rund 1.000 auf dem letzten, permanenten Anstieg. Das hat irgendwo nichts mehr mit Bayern zu tun.
Egal. Durchbeißen war angesagt, es wurden statt der avisierten 2 Stunden 14 Minuten dann auch über drei Stunden und nur etwa 15 Kilometer. Ist alles verkraftbar. Zeit ist ohnehin relativ. Und der Anstieg zwar schweißtreibend bei herrlichem Sonne-Wolken-Mix und angenehmen Temperaturen. Die Muskeln wurden erst später hart. Das fehlende Training!

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Oben angekommen, wird man vom Wirt des Statzer-Hause persönlich begrüßt. Er kennt offenbar sowieso fast alle Biker, die seine Hütte aufsuchen.
Sprachlich haben wir uns auch irgendwo in der Mitte gefunden. ‚A Sülzn host gwollt?‘ – ja, korrekt. Und einen Hollunder, den er auf Holler verkürzt. Beides lecker. Trotz müder Knochen und kaum noch Puste. Oder gerade deshalb.
Das schöne Wetter – was ist schönes Wetter? – fing Punkt 14 Uhr an, sich zu verabschieden. Er hatte es vorausgesagt. Und trotz aufziehender Winde, geschlossener Wolkendecke und schnell sinkender Temeperaturen, musste ich mich noch von den Adlern verabschieden. Wann schon kann man ihnen von oben zusehen, wie ihr scharfer Blick ins Tal und das pfeilschnelle Abtauchen über mehrere hundert Meter erfolgreich ist.
IMG_20190917_122340.jpgDie Sympathie für diese Vögel ist das eine, erfüllte es mich aber auch mit Genugtuung, dass ich auf dem Anstieg einem Frosch über die Straße geholfen hatte. Er schaute so traurig drein und hätte es wohl niemals allein – am Leben bleibend – geschafft. Wie war das mit der Einbildung!
Auch das Bergwiesel hat es nicht nur kurz vor meinem Vorderrad sondern wohl auch vor den Blicken des Königs der Lüfte in seinen Bau geschafft. Ein Loch so groß wie ein Fußball, aber mindestens genauso unsichtbar wie ein von der Mauer verdeckter Freistoß.

So stolz wie ich auf den erfolgreichen Anstieg war, so bammel war mir vor der Abfahrt.
Zumal ich mich für den richtigen Downhill entschieden hatte, einer der hiesigen Top Bike-Trails.
Was stellt man sich als Flachländer darunter vor? Vielleicht so etwas wie eine Schwarze Piste? Vielleicht. Die kommt man ja auch irgendwie runter.
Denkste! Kann man nicht vergleichen.
Plötzlich sind da keine sich in mehr oder weniger gemütlichen Serpentinen herabschlängelnden Bergwege, sondern es geht mitten durch die Pampa, auf extrem schmalen Trails (rechts und links von Stromzäunen für das weidende Vieh eingerahmt), einseitig ausgewaschen vom Gewitterregen, Kindskopf-großes Geröll auf nahezu Schussfahrt-ähnlichem Bergab.
Sicher wird der eine oder andere lachen – so ist das eben in den Alpen. Ist es, stimmt, aber es sagt einem keiner vorher! Oder man hört nicht hin!

Ende gut, ales gut.
Und ist noch nicht alles gut, ist noch nicht zu Ende.
Für Blessuren habe ich vorgesorgt und alles gleich am ersten Tag benötigt.
Es kann nur besser werden. Auch ohne Ende.
Morgen ist Tag 2 von 7 und die Tour wird sich um die 20-25 km schlängeln, bei weniger als 1.000 Höhenmetern. Quasi zum Erholen. Das habe ich heute aber auch gedacht. Schaun wir mal.

Fortsetzung folgt.
19:47 17.09.2019