Kategorie: gute gesellschaft

Das Sterbewerk*_Episode #30 „Der polnische Riesling-Sarg“

“Aus dem Leben eines Taugewas – Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Der polnische Riesling-Sarg

Die Abendsonne lugt vorsichtig durch die spärliche Fensterdekoration in seinem Lieblingsrestaurant La Scola. Sonnabends ist italienischer Abend.
Dieter Hommel* sitzt in trauter Zweisamkeit und freut sich auf das Danach.
Carlo, der Hausherr, bedient ihn schon seit Jahren. Er weiß, wann er was und wie er es auftischen muss.
Dieter ist genügsam. Meist tut es ein einfacher, trockener italienischer Riesling. Auch, weil er den in seinem Haus- und Hof-ALDI für 2,99 Euro nachkaufen kann.
Den trinkt er dann allein zu Haus.

Bei Carlo ist alles anders.
Auf dem Tisch brennt eine Kerze, Besteck und Geschirr sind perfekt abgestimmt, leise Musik erfüllt den Raum und zu den dezent lugenden Sonnenstrahlen hat Carlo immer einen passenden Spruch auf den Lippen. Dieter liebt es, wenn die Teller in einen fremden Geschirrspüler wandern. Er denkt nicht darüber nach.

Die Rechnung ist schnell bezahlt; der Wein kostet 18,50 Euro. Trinkgeld gibt er reichlich.

Am nächsten Tag fällt das Frühstück aus. Niemand sitzt mit ihm bei Kaffee und Morgenzeitung.
Stattdessen der schon lange befürchtete Anruf. Mama ist eingeschlafen. Sie hat es geschafft und Dieter jetzt andere Sorgen.
Am frühen Abend bereits sitzt er beim freundlichen Bestatter von um die Ecke. Der hat alles vorbereitet. In knapp zwei Stunden sind die Formalitäten besprochen. Mama ist in guten Händen.
Es ist 20:30 Uhr.

Wieder zu Hause findet Dieter die so sehr benötigte Ruhe.
Er surft noch ein wenig im Netz. Was könnte man nicht alles, wenn man wollte.
Auf einer schlicht gestalteten polnischen Webseite kann man einfache Särge kaufen, aus rohem Holz. Ab Werk in Twardogora, für 85 Euro.
Dieter wird hellhörig. Der Bestatter hat 399 Euro in der Kostenaufstellung veranschlagt.
Nicht mit mir, denkt Dieter – und handelt.
*Name geändert.
©Casus. 2015

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Schnarchgedichte #006

Immer zieht es ihn dorthin, wo er grad nicht ist.
Immer will er grad das, was er nicht hat.
Der Mensch.

Nachts um drei sind die Lichter ausgegangen.
Nachts um vier ist der Horizont erloschen.
Kalter Wind fegt um die Ohren.
Jeder Grashalm ist erfroren.

Sehnsucht nach Licht
habe ich nicht.
Denn ohne den kleinsten Groschen
bin ich in endlosen Träumen gefangen.

(c)Casus. 2015.

Schnarchgedichte #004

Winterzeit. Regenzeit.
Flüssiger Schnee tröpfelt aufs Dach.
Ach. –  Davon werd ich dauernd wach.
Dabei hoffte ich doch, es ist die nette Maid
von nebenan,
dass ich nicht schlafen kann.

©casus. 2015

Ende hin, Anfang her.

Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Kollegen und Kolleginnen und alle, die sich auch sonst hiervon angesprochen fühlen,

in irgendeiner wichtigen und richtigen Weise sind wir uns im letzten Jahr über den Weg gelaufen, manchmal in der gleichen Richtung, manchmal kreuz der quer und manchmal hat es auch ein wenig gerumpelt.

Das ist jetzt alles vergessen, denn das Jahr neigt sich dem Ende (wie macht es das eigentlich?) und diese Zeit nehmen melancholische Menschen gern zum Anlass, sich für das Vergangene zu bedanken oder klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, um das Neue zu begrüßen.

Da bin ich wohl nicht anders – obwohl – melancholisch?
Naja, lassen wir mal dahingestellt. Ich wünsche euch allen eine geruhsame und friedvolle Weihnachtszeit, genießt die wenigen Stunden, wenn sie denn fernab von Arbeitsalltag und Lebensstress vielleicht im Familien- oder manchmal auch besser fernab vom Familienkreis – verlaufen.

Im Neuen Jahr hören, sehen und vielleicht auch fühlen wir uns wieder.
Lasst es krachen, wenn es zu leise und schließt die Augen, wenn es zu grell wird.

Lieben Gruß in die halbe Welt, denn dorthin gehen diese leider achso unpersönlichen Zeilen, von den wenigsten von euch habe ich postalische Adressen. Der Zahn der Zeit 🙂

Euer Casus
Ihr Casus Caspari

Das Sterbewerk*_Episode #29 ‘Du!’

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Du!

Du rufst mich immer nur an, wenn du was getrunken hast. Und – du trinkst oft, und gern, und – ja, ich weiß, nie mehr als eine Flasche. Am Abend.
Ich möchte manchmal auch so sein.
Ich aber begnüge mich damit, dann – immer dann, deinen Kopf an meine Schulter zu legen, dir geduldig zuzuhören und weiß doch genau, dass ich das, was du nicht sagst sowieso nicht verstehe.

Du rufst an.

©Casus. 2014.

Neues aus meinem Wahl-Kreis_Episode #1

Grünau-Nord ist ja nicht wirklich der Brüller. Was Wohnqualität und Wohnquantität angeht.
Grünau, der wohl westlichste der Leipziger Satellitenstadtteile.

Einst der Wunschtraum Tausender Leipziger, denn hier entstanden Plattenwohnungen mit Fernheizung, Balkon und bis 5 Etagen ohne Aufzug. Es zogen ja junge Leute ein. Leute, die sich in ihren Betrieben um die Übererfüllung der Produktionsvorgaben verdient gemacht hatten. Leute, die in der Gewerkschaft aktiv für die gleichmäßige Verteilung der Prämien und Urlaubsplätze stritten. Oder einfach Leute, die jemand kannten der jemand kannte.

Heute, 25 Jahre später, hat eine Einwohnerflucht eingesetzt, einhergehend mit Hochhausabriss und Flickschusterei. Straßen, Grünanlagen, Spiel- und Sportplätze werden von den Stadtoberen mit großem Tamtam übergeben, danach vergammeln sie und gehen den Weg aller Graffitiopfer.
Grünau-Nord eben.

Und das ist der Bezirk meiner Wahl. Hier habe ich mein Büro. Die vor allem älteren Bewohner kennen mich, ich kenne sie. Die jüngeren sind meist der Meinung noch etwas Zeit zu haben. Und haben damit auch recht.

Auch Grünau-Nord hat sich an der Landtagswahl beteiligt. Zwar nur mit gut einem Drittel der Wahlberechtigten, wenn man noch die Nicht-Wahlberechtigten abzieht bleiben ganze 20 Prozent Wählende übrig. Davon hat die den Wahlkreis gewinnende Partei auch gut ein Drittel der Stimmen auf sich vereint. Am Ende haben somit rund 8 von 100 Einwohnern den Direktkandidaten gewählt. Wahrhafte Demokratie.

Meine Aussage vor Wochen, Wahlkampf bringt gar nichts, wurde müde belächelt. Letzten Sonntag, 18 Uhr 2, klopften sich dann auch alle auf die Schulter und beglückwünschten sich, indem jeder sein Ergebnis schönrechnete. Auch die Verlierer, also die, die noch weniger als 8 von 100 Leuten überzeugen konnten. Dazu gehört auch der Direktmandatgewinner der letzten beiden Landtagswahlen, Doktor Pellmann. Jeden Mittwoch stand er an vorderster Front im Marktgeschehen am Grünauer Jupiterzentrum. Hat rote Tütchen mit Flyern und Kugelschreibern verteilen lassen und wichtige Gespräche geführt. Dass er dieses mal nicht gewonnen hat, liegt an der bösen Landesregierung. Die hat seinen so gemütlichen Wahlkreis um zwei Landkreise erweitert. Dort wählt man eher machtbesonnen. Herr Pellmann ist also unschuldig. Und nicht mehr im Landtag vertreten. Dort tummelt sich jetzt die altersjüngste Fraktion von allen. Ein Generationswechsel?

in Grünau

in Grünau

Es gibt auch Gutes zu berichten. In Grünau werden Fassaden gestrichen. Weiß. Oder zumindest hell. Und nicht nur mit dunklen kryptischen Schriftzügen. Das hat schon vor der Wahl begonnen und sich von ihr nicht beeinflussen lassen.

Mehr Grünau in Folge 2 demnächst.
Foto und Text: (c)casus. 2014.

Das Sterbewerk*_Episode #28 ‘Alles wird anders.’

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

 

Alles wird anders.

Was stellen Sie sich denn unter einem Bestatter vor?
Eine Bestatterin?
Oder einen Oben geschlossenen, mit einem Schlips zugeknüpften Schwarzbefrackten?

Kann sein. Beides.
Kann auch nicht sein.
Kommt vielleicht auf die Gegend und die Gelegenheit an.

Unbestritten ist allerdings, dass in den wenigen Jahren, seit der Totengräber zum Bestatter zum modernen Dienstleister avanciert, sich eine Menge getan hat, die Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen ändern sich fast täglich, die Anforderungen steigen mit jedem Sterbefall.
Der Zeitraum ist überschaubar, als es ausreichte, mit einer Schaufel zwei Kubikmeter Erde umschichten zu können, ein Schriftstück unterschreiben zu lassen und die Friedhofsglocke in Gang zu bringen. Zur rechten Zeit wohlgemerkt. Danach war gemeinsame Leichenschmaus angesagt.
Von all dem konnte man leben, nicht besonders gut, aber man konnte.
Das war einmal.

Oder besser – das reicht nicht mehr.

Seit sich die Familie nicht mehr um „ihre“ Verstorbenen kümmert, seit die Kirche mit der Totenandacht manchmal überfordert ist und seit der letzte Totengräber verstorben ist, seit genau dieser Zeit bildet sich eine Berufsgruppe heraus, die eher einem Full-Service-Dienstleister entspricht.

In unserer Gesellschaft ist der Tod kein Phänomen und schon gar kein Tabu-Thema, wie gern behauptet wird. Gut gekühlte Bierflasche öffnen, in warmen Pantoffeln herumschlurfen, Glotze anstellen – und siehe da, in jedem zweiten Film wird gemordet, gelogen und betrogen und schlussendlich gestorben – jeder Game-Boy hat Killerspiele kostenlos im Programm, 3 Ebenen kann man gebührenfrei verfolgen, nachstellen und töten. Dann muss Kohle rübergereicht werden – in den Einheitsnachrichten sterben Tiere und Menschen im Tausenderpack. Also, nix mit Tabu.
Wenn aber die Sprache auf den eigenen Tod kommt – ja, dann. Dann sieht‘s eng aus.
Der eigene Tod oder der von nahen Verwandten und Freunden, den schiebt man schon gern vor sich her. Dafür gibt es später den, der schon immer die Stätte besorgte. Richtig – den Bestatter.

Dessen Metamorphose ist noch nicht abgeschlossen, noch lange nicht.
Berater, Ein- und Verkäufer, Lagerarbeiter, Bürofachkraft, Gesetzeskenner, Grafiker, Fotograf, Musikliebhaber, Computer- und Neue-Medien-Experte, Modefreak, Quasi-Schriftsteller, Sprecher und Redner, Vermittler, Buchhalter, Versicherungsmakler, Vorsorgedienstleister, Trauerbegleiter – gibt es eigentlich etwas, auf dem er oder sie nicht bewandert sein muss?

Es wird tatsächlich alles anders und hört „Beim-Leben-Davon“ nicht auf.
Wundern Sie sich also nicht, wenn der Ihnen gegenübersitzende All-Inclusive-Dienstleister auf Ihre Frage „Was sollen wir denn bloß für Musik zur Trauerfeier vom Opa spielen?“ antwortet: „Am besten, Lieder die er auf den Tod nicht leiden konnte.“
©Casus. 2014.