Familie Caspari

1951 Foto mit Emil und Geburtsdaten.jpg

Da ruhen sie nun und haben wohl dort, wo sie jetzt sind, viel zu erzählen?
So wie auf dem Foto von 1951, als sie sich zur Verlobung in trauter Famlienrunde trafen. Treffpunkt dürfte die Karolinenstr. in Ruhla gewesen sein, da wohnten Vatis Eltern um diese Zeit, denn Muttis Eltern waren in Buttstädt zu Hause und daran kann ich mich noch erinnern, da lief das Ofenrohr senkrecht vom Kamin in die Wand. Also einigen wir uns auf Ruhla.

Das Bild ist – man sehe es mir nach – nicht ganz echt!
Arno Emil Caspari, der Vati von Vati, lebte zum Zeitpunkt der Aufnahme schon nicht mehr. Obwohl erst 62 Jahre alt, musste er den Kriegsfolgen und vor allem den schweren Nachkriegsumständen Tribut zollen. Keine Industrie, keine Jobs, kein Geld, keine Nahrung… – Emil bekam nur wenige Groschen im Monat für körperliche unmenschliche Arbeit. Davon kaufte die Familie Brot und Rüben für den kleinen Franz und Mutter Mathilde. Emil verzichte oft auf das Essen. Er ist für die Familie verhungert!

Heute, am 19. August 2017 hat Emil Geburtstag, hätte Geburtstag, das 132. Mal.
Ich habe sein Geburtshaus und seinen Geburtsort besucht, Kloster Allendorf, heute Bad Salzungen. Und habe mich mit der Ortschronistin, Marion Gratz und mit Frau Wilke (81) getroffen.

Die Geschichte darum und was dabei rausgekommen ist, erzähle ich morgen, bebildert natürlich. Familiäre Historie ist eine interessante Sache. Sie hört allerdings auf, wenn die letzten Wissenden versterben und kein Grabstein mehr eine Geschichte erzählen kann. Wenn der Friedhof ausstirbt. Dann haben wir keine Vergangenheit mehr und können nicht mehr besser machen, was damals falsch lief.

2017-08-19 Frau Wilke

Foto: (c)Casus. 2017

Frau Wilke (81), aus und in Kloster Allendorf, jetzt Bad Salzungen/Thür.
Was sie nicht weiß, ist nicht passiert“ sagt Marco mir. Marco wohnt im ehemaligen Nonnenkloster Allendorf, das, zumindest äußerlich eher einer Ruine gleicht und von den Dörflern liebevoll nur das Schloss genannt wird.
Marco, vollständig Schnittler, ist ein cooler Typ. Tatoos am ganzen, bei schönem Wetter wie heute gut zu erkennenden Körper, viel Leder am Mann und mit einem Simson-Moped zum Einkaufen unterwegs. Ein altes Händi in der Lederweste, auf dem er mir den nächsten Termin – die allwissende Frau Wilke – vermittelt und mich mit den oben zitierten Worten anmeldet. In einer Viertel Stunde, Frau Wilke muss sich noch spritzen… in Wirklichkeit zog sie fix noch eine Lunte durch 🙂
Vielleicht aber auch beides…
Auf die Spur von Frau Wilke hat mich die Ortschronistin, sie selbst nennt sich eher Hobbychronistin, Frau Marion Gratz, gebracht. Wir haben vereinbart, geschichtliche Erkenntnisse weiterhin auszutauschen. Erst wenn Zeitreisen in die Vergangenheit bewusst möglich sein werden, ist das Herumstochern in alten Dokumenten und Überlieferungen nicht mehr notwendig, um zu verstehen, was unsere Vorfahren antrieb, was sie bewegte und entwickelte.

2017-08-19 Kosterruine

Fotos: (c)Casus. 2017

Die erste, nachweisbare Erwähnung der Ansiedlung Kloster Allendorf datiert aus dem Jahre 1137 durch einen Dynasten von Frankenstein. Die Fotos zeigen den heutigen Zustand der Klosterruine, die inzwischen wieder als Wohnhaus dient.
Mehr zur Geschichte und Chronik des Ortes und seiner teilweise atemberaubenden Historie ist z.B. hier und hier (PDF) zu finden.

Mit dem Wegzug aus Kloster Allendorf nach Ruhla, in die Karolinenstr. 56, endete auch die mehrere hundert Jahre andauernde Ortsansässigkeit dieser Casparischen Stammlinie.
Mit den bis ins Jahr 1762 zurückreichenden Originaldokumenten (Sippschaftstafel nach Karl Astel und Kirchenbuchauszüge, Geburtsurkunden, Taufscheine, Trauscheine) sind in der väterlichen Linie noch belegt:

Die Väter:

  • Franz Bruno Caspari, Vati (1921-2017)
  • Arno Emil Caspari, Großvater (1885-1947)
  • Johann Heinrich Caspari, Urgroßvater (1839-1914)
  • Johann Heinrich Caspari, Ururgroßvater (1813- ? )
  • Caspar Caspari, Urururgroßvater ( ? – ? )

und deren Ehefrauen:

  • Charlotte Frieda Caspari, geb. Tornus, Mutti (1924-2011)
  • Frieda Mathilde Caspari, geb. Jung, Großmutter (1890-1966)
  • Susanne Margarete Caspari, geb. Scharfenberg, Urgroßmutter (1841-1917)
  • Eva Maria Caspari, geb. Heugert, Ururgroßmutter (1819-1909)
  • Margareta Elisabetha Caspari, geb. Saft, Urururgroßmutter (1786-1844)

Oma hat Geburtstag.jpg

12. Oktober 2017
Oma hat Geburtstag.
Das biblische Alter von 127 Jahren ist laut amtlichen Geburtsnachweis erreicht.
Leider kann Oma Mathilde aus Ruhla, dem Roten Rühl – wie Vati immer sagte, nicht mehr selbst Kuchen backen und Kaffee kochen. Das machen wir jetzt.

Und wir treffen uns in kleiner Runde zu einer gemeinsamen Kaffeetafel an Ihrer letzten Ruhestätte auf dem Friedhof Gundorf in Leipzig/Böhlitz-Ehrenberg.

Wie bei vielen Frauen und Müttern aus dieser schweren Zeit gibt es auch von Oma Mathilde, der Mutti unseres Vatis, nur fragmentweise Erinnerungsstücke. Es waren die Männer, die das Bild und die Geschichte prägten.
Doch bevor ich Omas Geschichte erzähle – eine Story habe ich nie vergessen, diese deshalb vorneweg:
Vati war Lehrer in Leipzig, damals, das dürfte 1960/61 gewesen sein und ich in der großen Gruppe im DHfK-Kindergarten, fuhr er mit seiner Klasse von der Leibnitz-Schule ins Zeltlager auf Klassenfahrt. In dieser Klasse waren auch seine Sternchen, drei Mädchen, die er wohl am liebsten hatte. Keine Ahnung warum. Waren sie fleißig, hübsch, freundlich? Oder alles zusammen?
Das Zeltlager schlug die Klasse auf der Wiese vor dem Schwimmbad in Ruhla auf und ich, als Vatis Begleitung sozusagen und halt noch nicht Schulkind, durfte mit. Abends, als die Schüler sich in ihren Zelten verkrochen, schlich ich mich raus und lief zu Oma in die Katharinenstraße. (Ja, das ging damals noch, als kleiner Junge im Dunkeln allein draußen rumstromern!). Auf dem Weg dorthin kam ich jedesmal unweigerlich an einer kleinen Eisdiele vorbei, die auch um diese Zeit noch frisches Eis über die Ladentheke reichte. Es war aber gar nicht das Eis, was meine Neugier so weckte, sondern die Eislöffel, die man dazu bekam. Denn diese waren mit einer Märchenfigur aus den Märchen der Gebrüder Grimm geschmückt und ach, schon damals kannten die Macher den menschlichen Trieb oder die kindliche Versuchung, so etwas zu sammeln. In kurzer Zeit hatte ich die gesamte Serie zusammen, nur die offenbar selten vorhandene Witwe Bolte fehlte! Aber es kam wie es kommen musste, irgendjemand hatte sie dann doch und ich konnte gegen Lehrer Lämpel tauschen. Lehrer gab es damals offenbar in ausreichender Menge! Tauscht heute mal einen Lehrer gegen eine Witwe!!!

Nun aber erst einmal Kaffee und Kuchen.
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Oma.

29. April (2018)

In den letzten Monaten habe ich den Sechsen ihre Ruhe gelassen.
In irgendeiner Weise mussten sie ja auch wieder zusammenfinden.

Der Grabhügel ist inzwischen eingeebnet, Uli hat ein Apfelbäumchen spendiert (einen roten Loki-Apfel), es soll wie ein ganz normales Stück Natur aussehen und nicht wie ein Grab, das das Ende darstellt. Das Ende ist ohnehin unbeschreibbar.

Muttis ‚letzte Rose‘ – ihr Lieblingsstock aus dem heimischen Garten – habe ich ihr dorthin umgesetzt, wo sie ihn jetzt besser sehen kann und wenn in den nächsten Tagen noch die Bodendeckerbepflanzung erfolgt, haben Oma, Opa, Omi, Opi, Mutti und Vati endlich Ruhe.

Nur die Sonne scheint weiter…

Freitag, 13. Juli (2018)

Liebe Mutti, lieber Vati,
es ließ sich nicht verhindern, Wolfgang hat darauf bestanden, aber ihr habt es ja geahnt und mich beizeiten gewarnt: Euer Haus, euer Lebenswerk ist verkauft.

Es geht damit ein 56 Jahre dauernder, teilweise sehr turbulenter Traum vom Eigenheim in der Grabaustraße zu Ende. Dabei hatten wir noch so viel vor. Das ist nun vorbei.
Es bleibt nur Erinnerung.
Entschuldigt bitte.

Sonnabend, 2. März (2019)

Opi wird heute 123 Jahre alt.
Oder wäre geworden.
Egal. Unvergessen ist seine immer wiederholte Bemerkung – wenn Omi ihm seine Flasche Bier auf den Abendbrottisch stelle – ‚Die Leute, die so kleine Flaschen machen, sollte man erschießen‘.
Gemeint waren die 0,33er Bierflaschen und mit Erschießen hatt Opa genug, das war eine Floskel.
Albert Tornus hat zwei Weltkriege überlebt.
Proost Opi.

Opi123

Dienstag, 16. Juli (1966)

Der 53. Todestag unserer Oma Mathilde jährt sich heute. Vatis Wunsch war es zuletzt, die Familie hier in Gundorf wieder zussmmenzufüren. Und so schlafen sie gemeinsam in einem großen Erdbett.

Ruht alle in Frieden.

Montag, 2. März 2020 (1896)

Alljährlich trinken wir gemeinsam aus einer kleinen Flasche Bier, jeder einen Schluck.
Ihr wisst schon, mit Opa Tornus, der, der die Leute, die soo kleine Flaschen abfüllen, am liebsten ‚erschießen‘ würde.
Dabei war das immer nur so ironisch gemeint, wie man es halt nur meinen kann. Opa hat den Krieg und das ‚Geballere‘ verabscheut. Er hat zwei Weltkriege überlebt. Das hat ihn geprägt.

Danke auch an die netten #Buttstädter, die an seinem Grab heute eine Kerze aufgestellt haben, da ich leider erst am Sonntag wieder nach #Thüringen komme. Dann gibt es auch in der Heimat einen kleinen Schluck aus einer kleinen Flasche. 🙂

Die fb-Gruppe der ‚Buttstädter‘

Donnerstag, 9. Juli (2020)

Fünfundsechszig!
Dank Mister Schröder one more nine month.
Unter ’normalen‘ Umständen wäre es kein Problem gewesen solange die Arbeit Spaß macht. Doch die Zeiten ändern sich. Die Steine, die jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit erst überstolpert werden müssen werden zahlreicher und größer. Die kleinen von ihnen liegen auf dem Herzen oder in der Niere. Damit kann man umgehen. Die größten jedoch sind verordnet und lassen sich nur revolutionär aus dem Weg räumen. Dafür ist die Zeit nicht reif, wenn sie denn überhaupt je wiederkommt.
Das ist dann nicht mehr mein Part.
Ich komme erst wieder, wenn alles erledigt ist und die Sonne nicht nur vom Himmel brennt, sondern allen im Herzen scheint.
Dann brauchts keinen Schröder und Konsorten mehr.
Ist aber Zukunftsmusik oder auf Neudeutsch – Verschwörungstheorie. 😦

 

Mittwoch, 18. August (2021)

Glaubst du?
Glaubst du an Esoterik?
Nein, natürlich nicht. Das Übersinnliche ist totale Spinne, etwas für Idioten, Vollidioten, denen der Bezug zur Realität fehlt!
Echt? – Oder ist es doch nur die halbe Wahrheit?
Wer von uns hat nicht schon irgendwann mal eine Situation erlebt, wo er meinte ‚Ach, das habe ich doch schon mal gesehen‚ oder ‚Da war ich doch früher bereits einmal‚…
Wie auch immer, mit Esoterik hat das eh nix wirklich was zu tun.
Diese kleine Anekdote hier ist jedoch wahr. In gewisser Weise leider wahr. In gewisser anderer Weise, glücklicherweise wahr!
Vati ist am 28. Januar 2017 gestorben. Wir hatten neun Monate, in denen er ans Bett ‚gefesselt‚ war, eine sehr intensive Zeit, konnten Dinge besprechen und uns über Sachen austauschen, was in den 93 Jahren zuvor in dieser Form nicht möglich war. Warum auch immer. Ihr findet Genaueres dazu weiter oben.
Von seinen letzten Teufelshaaren hatte ich zwei Diamanten pressen lassen und für mich einen Anhänger aus Weißgold, auf den der Diamant gefasst wurde und in dem die aller letzten Exemplare seiner üppigen Haarpracht (!) verschlossen wurden. Ich hätte für das Geld auch einen Kleinwagen bekommen, naja, fast.
Über drei Jahre habe ich diesen Anhänger am Hals getragen, am Tage, in der Nacht, in der Dusche, beim Schwimmen…
Bis letzte Woche.
Opi (haben wir gesagt), meinten Vati… hatte nie wirklich was mit dem Kulki (Kulkwitzer See) am Hut, als Leutzscher sind wir im Elster-Saale-Kanale baden gewesen. Der Kulki liegt in Grünau, das war aus früherer Sicht eine andere Stadt.
Beim Schwimmen im Kulki habe ich Kette und Anhänger dann doch verloren. Auf Nimmerwiedersehen. Dachte ich zunächst.

In meinem Leben bin ich noch nie wirklich getaucht.
Ab und zu abgetaucht oder hier und da geschnorchelt, das vielleicht. Im Gegensatz zu meinem Bruder, der das professionell betreibt, habe ich davon Null Ahnung.
Nun aber eben doch. Noch nicht perfekt, aber immerhin schon mit Neopren und Flasche und 200 Bar.
Gesucht habe ich drei Tage. Gefunden habe ich nichts. Auch nicht mit Metalldetektor.

Am 21. August dann aus Übersee die Nachricht, Lehman Riggs ist im Alter von 101 Jahren verstorben.
Lehman Riggs, der möglicherweise letzte Zeitzeuge vom Einmarsch der Amerikaner am 18. April 1945 in Leipzig. Er stand mit Raymond J. Bowman hinter dem Maschinengewehr auf dem Balkon vom späteren Capa-Haus und sicherte den Einmarsch seiner Kameraden über die Zeppelin-Brücke ins Leipziger Zentrum.
Opi lag um diese Zeit im Lazarett, hörte in der Nacht zuvor den Donner der Amerikaner, die über Merseburg zum Leipziger Westen vordrangen. Er zog seine Uniform an, verließ das Lazarett und ging neugierig den Amis entgegen. Wirklich bis zu ihnen hat er es offenbar nicht geschafft an diesem denkwürdigen Tag, sonst wär er wohl kein Opi geworden…

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67 Jahre später treffen die beiden Soldaten erneut aufeinander. Unterhalb des Völkerschlachtdenkmals statt im Schützengraben, in Zivil statt hinter dem MG.
Die Situation will ich nicht erneut beschreiben. Sie haben kein Wort voneinander verstanden. Der eine kann kein Deutsch, der andere kein Englisch. Aber sie waren plötzlich eins, ließen sich nicht mehr los. ‚Du bist nicht mein Freund, du bist mein Bruder‚ – so Lehmans Worte.

2017 verstarb der erste der ‚Brüder‚.

Jetzt ist der zweite Bruder gegangen. Mit 101 Jahren.
So ist es nun einmal.

Doch warum diese Geschichte jetzt und hier erneut?
Lehman Riggs hat Kette und Anhänger mit in den Himmel zu seinem Bruder genommen.
Ich kann beides auf Erden nicht mehr finden, auch in 10 Jahren nicht.
Drei Jahre an meinem Hals waren wohl auch genug.

Die Brüder sind wieder vereint und auf ihrer Wolke liegt ein Andenken.
Das ist gut so. Und bleibt so.

Etwas Esotherik gefällig?

(c)2021. casus