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Das Sterbewerk*_Episode #018 ‘Das doppelte Lottchen’

Das doppelte Lottchen oder bad‘ zwei in einer Wanne nicht.

Es gibt schooon Berufsgruppen, die jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt werden.
Der Postbeamte, der täglich ein neues Datum stempelt (ja ja, ist alt), die Hebamme, die nie weiß, ob sie ein weißes, ein gelbes oder ein schwarzes Handtuch bereitlegen sollte, der Kriegsminister, der am Morgen noch nicht weiß, ob die Raketen am Abend nicht doch nach Südosten ausgerichtet werden müssen oder auch der Bestattiger, der sich mal eben einen Trauerfeiertermin mit einem Kollegen teilen muss.
Dabei haben mir die Angehörigen der Trauergemeinde heute die tollsten Sachen erzählt und dazu bestimmt in der dunkelsten Ecke der Schublade gekramt. Alle waren versammelt, die Witwe, die Familie, die Freunde, der Pfarrer, der Friedhofsbedienstete, der Herrgott (fürs Wetter verantwortlich) und auch das Harmonium wurde bereits gestimmt. Wer fehlte war der Bestattiger. Muss irgendwo im süddeutschen Raum gewesen sein, ist hier undenkbar!
Am Telefon meldet sich die freundliche mailbox und auch sonst brettert lediglich der Planet auf die zunehmend ungeduldig werdenden Trauerfeier- und Beisetzungsbesucher. Mit dem fehlenden Bestatter war auch die Hauptperson der pikanten Angelegenheit nicht anwesend. Der Verstorbene. Und der ihn beherbergende Sarg.
Als dann doch die Limousine um die Ecke bog, der Sarg in der Trauerhalle platziert war, kam die große Stunde der Angehörigen. Jetzt glaubten Sie gar nichts mehr. Auch nicht, dass Papa Egon tatsächlich in der Holztruhe friedlich gebettet Platz genommen hatte.

FH Kleinzschocher, Kapelle

FH Kleinzschocher, Kapelle

Das die Story, mit der wir uns die Zeit vertrieben bis sich die kommunale Friedhofsverwaltung, die Friedhofsangestellte und der Friedhofsgärtner soweit einigten, unseren schriftlich bestätigten Trauerfeiertermin und die schriftlich bestätigte Urnenbeisetzung fast parallel zur Stillen Beisetzung des Kollegen zu organisieren und durchzuführen.
Das ist leichter gesagt als getan, denn Null Unterlagen auf dem Friedhof involvieren auch Null Grabstelle und Null Urnenaufnahme. Immerhin war schönes Wetter und ein Loch von Durchmesser 30 und Tiefe 80 ist unter diesen Umständen in 5 Minuten ausgehoben.

Pfarrer Holke behielt ebenso die Ruhe wie der vorgeführte Bestattiger.
Was auch anderes blieb uns übrig. Wir organisierten hinter den Kulissen.
Vier Minuten nach 14 Uhr und damit zwanzig Minuten später als geplant gab es für unseren Reisenden kein Zurück mehr, das Grab war geschlossen und die Trauerfamilie zog von dannen Richtung Naddel. Mittagessen. A la carte. Frisch vom Herd.

Es hätte auch unangenehmer ausgehen können.
Es kann immer unangenehmer ausgehen.
Hat es aber nicht. Weil zwei Leute und eine Familie die Ruhe bewahrt haben. Im festen Glauben an den, der uns heute eine besonders schwere Prüfung auferlegte. Er hatte wohl nicht mit der Kraft der Hinterbliebenen gerechnet. Oder gerade?

Und so wurden heute Mittag auf Leipzigs Kommunalem zwei Lottchen gleichzeitig beigesetzt.
Darauf einen Doppelten.
©casus. 2013

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Das Sterbewerk*_Episode #014 ‘TrauerHerbeiReden’

Zugegeben, der Titel provoziert – und trifft nicht zu.
Natürlich kann man Trauer herbeireden. Sollte man aber nicht. Jedenfalls nicht in unserem Sinne.

Frontcover

Frontcover

Birgit Aurelia Janetzky hat einen Leitfaden für Traueransprachen geschrieben. Titel: TrauerReden.
Ein 112-seitiges Paperback für Trauerrednerinnen, Trauerredner, Trauerbegleiterinnen, Trauerbegleiter, Bestatterinnen, Bestatter, Betroffene, NichtBetroffene, also Menschen wie du und wir.

Schon nach den ersten Sätzen merkt man Frau Janetzky an, sie ist vom „Fach“, sie weiß wovon sie schreibt und wenn man ihr dies zu Gute hält, kommt auch der Rest glaubwürdig herüber. Und tatsächlich, die Seiten sind in der Frühstückspause verschlungen. Um sie zu verstehen, braucht es vielleicht noch einen zweiten gemütlichen Lesegang. Doch spätestens dann merkt der Betroffene (ich lass jetzt mal das vermaledeite „die Betroffene“ weg und beschränke mich auf das neutrale „er“), dass hier zwar eine Berufsgruppe von professionellen Trauerrednern angesprochen ist, gleichzeitig jedoch das linke Auge den restlichen 99 Prozent früher oder später Betroffenen zugewandt wird.
Will sagen, das Buch ist wie eine Steuererklärung, irgendwann hat jeder damit zu tun.

Wem also der Knigge zu dick, zu hoch angebunden ist, der bedient sich bei Birgit Aurelia Janetzky und ihrem diese Woche erschienen Leitfaden für gutes Benehmen und richtiges AnSprechen – nicht nur im Fall der Fälle. Die Lebensweisheiten sind allgemeingültig, auch wenn sie hier im speziellen Kontext der Trauerrede verpackt sind.

Mein Fazit: Nicht nur das Frontcover ist gelungen 🙂
Danke Frau Janetzky für diese animierenden 100 Seiten.
Danke Frauke fürs „Model-Stehen“.
Danke dem Verlag für das Belegexemplar.

Ihr habt Interesse an Buch und Inhalt?
Das Buch gibt’s zu kaufen -> HIER zum Beispiel.
Die Thematik greife ich in einer Sonnabend-Veranstaltung nächstes Jahr im Rahmen der KULTur im LeipzIGER OSTEN auf. Termin kommt rechtzeitig.
©casus. 2013

Die Wellenreiterin (by Theos Thanatos)

Es ist der heißeste Tag des Jahres.
Das Bordthermometer zeigt 34,8 Grad an und ist gut gegen Sonne gesichert im Heckbereich der Undine angebracht. Das Schiff liegt an der Pier am Neuen Strom in Rostock-Warnemünde. Die Besatzung, zwei Kapitäne, ein Maschinist, ein Decksmann. Alle geschniegelt und gebügelt. Die Uniformen jedenfalls.
Undine ist noch keine vier Wochen alt. Gebaut im polnischen Swinoujscie und schon jetzt das Flaggschiff der Rostocker Seebestatter um die Kapitäne Lohmannn und Brandt.

(c)casus. 2013.

(c)casus. 2013.

Wind 1, beinah spiegelglatte See. Lediglich die vor 30 Minuten ausgelaufene AIDAmar hat das Meer leicht aufgewühlt und der erbarmungslos strahlende Planet über uns, der eigentlich ein Stern ist, lässt seine Strahlen leichtfüßig auf den kleinen Wellen tanzen.
Einen Blick haben wir dafür kaum…

Zwei Seemeilen vor der Küste, die Skyline Warnemündes ist noch zu ahnen, haben wir die Zielposition erreicht. Hier finden Seeleute und Landratten ihre letzte Ruhestätte. Wenn sie es denn möchten.
Es fragt niemand mehr danach, ob die oder der Verstorbene einen wirklichen Bezug zur See hatte oder vielleicht nur einmal im Urlaub einen Goldfisch im Aquarium gefüttert hat.
Die Seebestattung hat ihren Platz inmitten der Gesellschaft gefunden und wird diesen in Anbetracht der steigenden Folgekosten landseitiger Friedhöfe eher ausbauen denn verteidigen.

Die Undine ist auf alles vorbereitet.
Von der anonymen Bestattung bis zur Begleitung durch 80 hinterbliebene Angehörige und Freunde, von der Trauerfeier durch den Kapitän oder einen seefesten Pfarrer – den blau-weiß-schwarzen 400-PSer lässt die Zeremonie kalt. Für uns dagegen ist der Akt der Beisetzung ergreifend, denn auch wenn die genaue GPS-Position dokumentiert wird, Christel wird nie wieder Besuch empfangen können.

Mir kommen während der circa dreißig minütigen Fahrt auf See noch einmal Gedanken an eine kürzliche Beisetzung an Land auf. Eine Friedhofsverwaltung hatte stellvertretend für den Pfarrer das Wort Gottes durch den Seelsorger verwehrt. Was mich damals zunächst schockierte -> Keine Worte für Alfred. Der Verstorbene war nicht oder nicht mehr Mitglied der Gemeinde. Später musste ich mich mehrfach eines Besseren belehren lassen. Der Tenor der Aussagen: auch ein ausgetretener Kaninchenzüchter muss auf Leistungen des Vereins verzichten. Und – auch die Pfarreien sind in der materiellen Welt angekommen. Personelle und finanzielle Ansprüche müssen dem Wort Gottes angepasst werden.

Wenn kirchliches Handeln beim Gottesdienst oder der Bestattung „…im Namen Gottes“ spricht, so muss es um die Herauslösung und quasi Loslösung ihres Anspruchs religiöser Bindungen aus einer säkularisierten Welt wissen.
Wenden sich Menschen von der Kirche ab, kann dies unterschiedlichste Ursachen haben. Nach meinen Erfahrungen jedoch werden diese Menschen keineswegs unreligiös. Im Gegenteil. Sie beschränken ihre Gläubigkeit nicht mehr auf den sonntäglichen Gottesdienst. Sie leben die „Gemeinde“ in ihrem Alltag und nicht nur zu kirchlichen Gemeindeveranstaltungen.
Es wird immer wieder behauptet, die Gemeinde sei vor allem in größeren Städten nicht mehr da. Die Kirche aber geht weiterhin davon aus. So muss die Selbstverständlichkeit des christlichen Glaubens den gläubigen Menschen auch wahrnehmen. Die Form seiner Bindung an das Evangelium ist unerheblich.
Ist dieser Schritt vollzogen, anerkennt kirchliches Handeln und Reden den gläubigen Menschen bei der Bestattung, dann wird der Ausschließlichkeitsanspruch, wie wir ihn bereits erlebt haben, relativiert. Der verstorbene Mensch erfährt die Milde und Großzügigkeit eines nicht entfremdeten Glaubens.
Am Sarge eines Menschen entscheidet sich, ob Gott oder Theos Thanatos die Oberhand gewinnen und der Reise in die Ewigkeit beiwohnen.

Aber ich schweife ab, auch auf See bleibt die Uhr nicht stehen.

Die Undine hat eine Ehrenrunde gedreht, 8 Glasen aus der Schiffsglocke bezeugen den vollzogenen Beisetzungsakt. Noch bevor wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, werden sich Christels leibliche Überreste mit dem Meer vereinigt haben.
Die Wellenreiterin ist angekommen.

Mit dem Sterben endet das Hiersein.
Der Tod ist das Ende des Sterbens und der Übergang zum Dasein.
Das Leben ist nicht an Mensch und Natur gebunden.
Das Leben ist unsterblich.

(c)Foto & Montage: Casus, Text: Theos Thanatos
Bei einigen Gedanken habe ich mich von Rohden Wilhelm und Horst Lahr inspirieren lassen. Siehe auch ‚Wasser, Ring und Erde‘ Handreichung für Lehre und Ordnung in Taufe, Trauung u. Bestattung.

Das Sterbewerk*_Episode #010 ‚Trübe Aussichten‘

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

‚Trübe Aussichten‘

Klaus* ist schwer vom Leben gezeichnet.
Das war nicht immer so. Bei der Mibrag hatte er große Bagger unterm Hintern, verdiente gutes Geld und gab es genauso gut für die Familie aus. Klaus hat ein weites Herz und eine liebe Seele. Er vermutet nichts Böses in der Welt um ihn herum.

Klaus ist 67 und nach einem Schlaganfall schwer behindert. Seine Frau starb vor 8 Jahren und sein Sohn hat einen Verkehrsunfall in Australien nicht überlebt.
Klaus lebt in einer kleinen 2-Raum-Wohnung in Grünau. Von 590 Euro Rente. Die Wohnung ist seine vierte. In den letzten 6 Jahren wurde er vom „Amt“ mehrfach in immer kleinere Wohnungen „umgesiedelt“. Nicht jedes Mal zu seinem Nachteil. Die jetzige „Platte“ ist trocken und warm. Die 209 Euro Miete muss er von der Rente bestreiten.
Bleiben 380 Euro. Damit liegt er über dem, was von Schreibtischtätern als Mindesteinkommen festgelegt wird. Unterstützung Fehlanzeige.

Wie gesagt, Klaus ist schwerbehindert. Er kann nicht mehr das Fahrrad benutzen, weil die Sehnerven seine Umgebung nur verzögert wahrnehmen. Die Reaktionszeit ist ausreichend für eine langsame Fortbewegung. Laufen geht nur mit Rollator. Das Gleichgewicht kann er sonst nicht halten.

Ich habe Klaus heute Vormittag wieder besucht.
Das Geld reicht vorn und hinten nicht, obwohl er an allem spart. Den in Reichweite liegenden Konsum meidet er wegen unbezahlbarer Preise. Um in den für ihn fast unerreichbaren Discountern einzukaufen, muss er einen ganzen Nachmittag einplanen, zwei Stunden Hinweg, Einkaufen und Aufwärmen, zwei Stunden zurück. 72 Euro Verwaltungsgebühr im Jahr für eine behindertenvergünstigte Straßenbahnfahrkarte bleiben nicht übrig.

Vor Jahren hat Klaus eine Vorsorge abgeschlossen. 3.300 Euro auf ein Treuhandkonto eingezahlt, damit das Leben wenigstens in Würde abgeschlossen werden kann.
Wir haben ihm davon schon mehrfach kleinere Beträge zurückerstattet. Soll er verhungern?
Alle Versuche, eine Pflegestufe oder 50 Euro staatliche Stütze zu erhalten, werden abgewiesen. Vielleicht fehlen zwei Minuten, weil er sich unter Schmerzen noch selbst Kämmen kann. In Wirklichkeit rutscht der Kamm eher über das Ohr. Die Hand kann er nicht besser koordinieren.

Heute hat er die Vorsorge gekündigt. Von dem Restbetrag gleicht er sein Minus aus und kann vielleicht mal wieder ein richtiges Schnitzel essen. Eine Dauerlösung ist nicht in Sicht.

Ich verabschiede mich und werfe noch einmal einen Blick in die Wohnung. Alles hat seinen Platz. Es ist ordentlich. Das einfache Bett, der nackte Holztisch und die beiden Stühle. Einziger „Luxus“ sind die Uraltschrankwand und das kleine Fernsehgerät. Ich hab es noch nie laufen sehen. Nein, nicht, weil es keine Füße hat. Der Strom ist zu teuer. Auf dem Boden liegt kein Teppich, blankes Linoleum.

Was macht Klaus, wenn der letzte Euro aus der Vorsorge aus besseren Zeiten verbraucht ist?
Das wird in vielleicht 5 oder in 6 Monaten sein. Vielleicht rettet er sich auch bis ins neue Jahr hinüber. Und dann?
Ich habe ihm in die Hand gelobt, dass er ganz in der Nähe von seinem Vati in Leipzig-Lindenau seine letzte Ruhe finden wird. Würdig. Nicht von Amts wegen verschachert. Das setze ich beim „Amt“ durch. Versprochen ist versprochen.

Wir verlassen die Wohnung in der ersten Etage, der Rolli steht im Treppenhaus parat.
Ich sehe ihm noch einmal nach auf seinen ersten 2-Stunden-Weg für heute. Er dreht sich nicht um.

Zurück in meinem Büro, kommen die Fünft- und Sechstklässler gerade aus der Schule. Einige von ihnen laufen direkt an meinen Schaufenstern vorbei. Sie rauchen, trinken Bier, Simsen mit ihren Smartphones und haben coole Sprüche in meine Richtung drauf. Jungs wie Mädchen, ohne Unterschied.

Schwer zu sagen, wer früher in Lindenau beigesetzt wird. Die Jugend hat gute Chancen.
©casus. 2013.
*Figur und Name sind nicht erfunden, aber geändert.

Das Sterbewerk*_Episode #006 ‚Vorsorge‘

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Erich Loest wird überbewertet.
Habe ich kürzlich in einem blog geschrieben und bezog mich dabei zwar auf den allgemeinen Umgang mit dem Schriftsteller, konkret ging es aber um seine Worte aus dem Roman „Nikolaikirche“: …“Die Stadtluft hatte einen Geschmack angenommen, der aus verschwelter schlechter Kohle, aus faulenden Dächern und Balkonen, aus dem Salpeter hinter dem bröckelnden Putz und den Schwaden der Zweitakter zusammengesetzt war.“
Auch wenn ich nach wie vor den Hut ziehe vor Loests Lebensleistung, seine unerbittliche Vergangenheitskritik ohne Wohlfühlschlupfloch geht mir auf den Senkel.
Ich hab dann noch ergänzt, dass „ich befürchte, es ist heute schwieriger eine realistische Geschichtsbetrachtung anzumahnen, man gerät zu schnell in die Ewig-gestrig-Sein-Ecke. Das wäre dann unzutreffend.“

Viele Menschen aus dieser ’stinkenden Dreckschleudergesellschaft‘ sind heute hochbetagt und sehen diese Zeit der materiellen Entbehrung und sozialgesicherten Offenbarung durchaus differenzierter. Und sie handeln.

In Anbetracht des nahenden Lebensendes treffen sie Vorsorge „für die Zeit danach“. Denn der sie jetzt umgebende Staat und das ihm immanente gesetzliche und private Versicherungswesen haben sich aus dieser Verantwortung 2004 mit der Streichung des Sterbegeldes verabschiedet. Die Folge sind u.a. zunehmende Sozialbestattungen, verbunden mit einem oft unwürdigen staatlichen Geschacher um Bedürftigkeit und Angemessenheit. Hinter deutschen Behördenschreibtischen wird festgelegt, was Hinterbliebene unter angemessen und würdig zu verstehen haben; von den stark abweichenden regionalen Vorstellungen ganz zu schweigen.

Nach langem Tauziehen – und ich meine da durchaus das Ziehen am gleichen Strick, nur in unterschiedlicher Richtung – hat im Februar das Oberverwaltungsgericht in Münster ein richtungsweisendes Urteil gesprochen. Wenn auch schwer vorstellbar in Anbetracht der sonstigen Rechtssprechung, könnte damit das Ende der unseligen Sozialbestattungen eingeläutet werden. Die Richter in NRW haben allgemeingültige Richtlinien formuliert und Vorsorgenden und Hinterbliebenen einklagbare Richtwerte in die Hand gegeben.

Das Urteil basiert auf einem 3-Säulen-Modell als Berechnungsgrundlage:

„- (dass) die ausschließliche Zweckbestimmung von dem (hier:) Heimbewohner eindeutig und für ihn verbindlich getroffen,
– der diesbezügliche Vermögensteil aus dem übrigen Vermögen eindeutig ausgegliedert und
– die Zweckbestimmung in einer zum Nachweis geeigneten Form textlich niedergelegt worden ist.“ (aus Beschluss Az. 12 A 1255/12, OVG Nordrhein-Westfalen, 27. Februar 2013)

Konkret hatte eine Heimbewohnerin geklagt, die behördlich verfügt ihre Bestattungsvorsorge in Höhe von 6.000€ auflösen und dem täglichen Lebensunterhalt zuführen sollte.

Tipp: Der gesamte Gesetzestext kann in unseren Filialen und online zum Beispiel hier -> http://www.openjur.de nachgelesen werden.

Dem aufmerksamen Leser wird ein weiteres Mal nicht entgangen sein, wie wichtig gerade hier eine persönlich fixierte Vorsorgeregelung sein kann, wenn man nicht riskieren will, anonym und fernab jeglicher Selbstbestimmung auf amtlichen Wege verschachert beigesetzt zu werden.

Meine Rede.
(c)casus. 2013

Das Sterbewerk*_Episode #001

Er ist ein armes Schwein!
Ich hab ihm das gleich zu Anfang gesagt, da war er noch nicht in der Wohnung.
Als dann noch sein Kollege die schweren Bestatterstiefel über die Türschwelle schob, hatte ich keine Worte mehr parat, um mein Bedauern zu toppen. Der Nachfolgende war so eine schmächtige Erscheinung von vielleicht einem Zentner, völlig falsch verteilt auf circa ein Meter sechszig. 50-80-90, Pi mal Daumen.
Wenn die beiden meine Oma vier Etagen durch den engen Treppenflur transportieren wollen, na dann Gute Nacht. Vielleicht haben sie ja Beziehungen zu einem Möbeltransportunternehmen, die könnten die Drehleiter zur Verfügung stellen. Aber irgendwie sollte das nicht meine Sorge sein, dachte ich mir.
Mit Ansage zogen die Schwarzfahrer sich dann auch noch einmal an ihren Extra-langen-Daimler zurück. Offiziell um die notwendigen Papiere zu holen, inoffiziell müssen sie ewig in dem schicken Edelgefährt gekramt haben, denn sie kamen erst nach gut zwanzig Minuten wieder hoch. Versteinert die Gesichter, keine Miene verzogen.
Der Papierkram dauerte ewig und mich beschlich mehr und mehr das Gefühl, sie könnten ihren Aufenthalt noch bis Mitternacht hinauszögern. Meine Westminster hatte gerade 21:30 Uhr geschlagen, Zeit für die heute-Show. Leute, nun macht endlich hin, Oma hat sowieso nie zugesehen, sie hat den Welke nie verstanden. Nicht, weil er nicht laut genug gesprochen habe, nein, der hat so anders als die anderen Mainzelweibchen und Mainzelmännchen geredet. Na und der Heist erst, der wo den Hassknecht spielt, äh, schreit. Um Gottes Willen, das geht doch auf keine Gebührenzahlerfernsehkuhhaut.
Aber ich schweife ab.

Irgendwann so kurz vor Tagesultimo dann war auch der letzte Kaffee kalt, die gefühlt dreißigste Unterschrift getrocknet und es gab kein Entrinnen mehr. Oma musste raus aus der Wohnung und eine Drehleiter weit und breit nicht in Sicht.
Was jetzt passierte, werde ich wohl nie vergessen. Genau so wie mir Omas immer wiederkehrende Gruselgeschichte aus dem Luftschutzkeller in der Normannenstraße nicht mehr aus dem Sinn gehen wird. Doch auch das ist eine andere Geschichte. Ich werde sie jedenfalls nie wieder live und in Farbe erzählt bekommen.
Die Abholbestatter waren inzwischen wohl ausreichend aufgewärmt, die Papiere verstaut, Oma frisch gewindelt, mit ihrer Lieblingsbluse und der langen Baumwollhose, mit der sie gestern noch Wäsche-Aufhängen im Hof war, angekleidet, im provisorischen Holzsarg verstaut und für den Abtransport gem. §21a angeschnallt. Sicherheit im Hausflurverkehr.

Ich musste mich auch anschnalllen, sonst wäre wohl etwas Unüberlegtes passiert.
Der Vorreiter holte eine Art zusammenklappbaren Kühlschrank aus dem zugegebenermaßen überdimensionalen Ledercollege, entfaltete das gute Stück, versteifte die Kanten mit flinken Handbewegungen und vormontierten Stahlstreben, fragte mich nach einer Steckdose, möglichst Kraftstromanschluss und schielte noch etwas abwesender hinter der dunklen Designerbrille hervor.
Eine freie Steckdose hatte ich nicht, Omas Aufputzdosen stammten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts und was damals Kraft war ist heute Pupppenstubenbeleuchtung.
Na gut, geht auch, manchmal fliegen halt die Sicherungen raus, das kommt oft vor. Sie wissen, wo wir die wechseln können?“ – Nein, wusste ich nicht, aber ich werde es schon finden, machen sie nur erst mal. Es kam, wie es kommen musste, ein mittelgroßer Knall und das Haus war dunkel. Ausgerechnet als Hassknecht gerade zum Fluchen ansetzte. Omas späte Rache.
Der nächsten und der übernächsten Sicherung erging es ähnlich, dann haben wir etwas gewartet und danach blieb die Leitung stabil. Manchmal ist Ausdauer doch hilfreich.
Der kühlschrankähnliche Kasten mit Stromanschluss war natürlich kein Kühlschrank, dachte ich mir schon. Eine Flasche gut Gekühltes hätten die Daimlerfahrer auch von mir bekommen. Stolz präsentierten sie ihre MES, liebevoll auch MVO genannt. Meine Ungläubigkeit steigerte sich nur noch im Beichtstuhl von Bruder Tutorius, der eigentlich mein Nachbar Tutmann ist und von dem ich außer den Todsünden seiner Schäfchen auch allerhand Klatsch und Tratsch aus der Stammkneipe erfahre.
Das MES, die Mobile Einäscherungsstation oder eben auch der mobile Verbrennungsofen, taten jetzt zuverlässig ihr Werk, ihr Sterbewerk*.
In Nullkommanix passte Oma in eine provisorische Aschekapsel von 17×23 Zentimeter und mit ihr all die schönen Dinge, die sie sowieso nie aus der Hand legte. Egal, jetzt war es nur noch Asche und niemand bedauerte den Verlust des nagelneuen iPhones; Oma hatte die Pin sowieso nie rausgerückt. Ein Stilleben: Smartphone mit Oma!
Als ich meinen Mund endlich wieder zumachen konnte, war der Daimler längst um die nächste Ecke in der neblig-schwarzen Nacht entschwunden. Was jetzt noch nicht gefragt war, blieb auf Ewigkeit unbeantwortet.
Ruhe? – Nein, die zieht so schnelll hier nicht wieder ein. Auch weil jetzt neuerdings ständig die Sicherungen rausfliegen. Ob heute- oder Morgen-Show, egal, nichts ist von Dauer. Ich hab inzwischen den Schreck verdaut und finde die Idee mit der MES ganz praktisch. Nur, warum musste gerade Oma als Versuchkaninchen herhalten. Nachbarsjunge letzte Woche hätte den Stromkreis nicht zum Erliegen gebracht. Er war am nahen Dorfteich auf Millimeter dünnem Neu-Eis eingebrochen. Die Bestatter kamen mit einem MSF zum Tatort. Auch der mobile Schockfroster war ein Prototyp.
(c)casus.2013
*Kreativwortschöpfung