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»Der Politische Asche-Mittwoch« Folge 64 ‘Der 16. Sonntag nach Trinitatis’

So, wie die Sonnabende sich von den Samstagen und sowieso von den Sonntagen unterscheiden, so war gestern der wohl letzte herrliche Sommersonnen- und heute der wohl erste nieslig-kühle Herbst-ohne-Sonnen-Tag. Jedenfalls für dieses Jahr.
Und es war seit Jahren, vielleicht sogar einem Dutzend Jahren, mein erstes internetloses Erholwochenende. Kann ja mal passieren. Ist passiert. Noch dazu gewollt.

Zwei Tage ab an die Niedrig-Wasser-führenden Elbwiesen bei Diesbar-Seußlitz, gemeinsam mit Freunden. So richtig mit überreife Weintrauben stibitzen und ellenlange Wanderungen entlang den Ufergebieten auf sich nehmen. Inklusive Pilze-lose Sammelergebnisse, trotz künstlicher Feuchtgebiete. Es gibt durchaus Schlimmeres.

Der Sonntag war ein gespaltener.
In Diesbar bereits ausgecheckt – wir hatten uns ein riesengroßes Hotelzimmer geleistet – musste natürlich Meißen als Zwischenstation auf dem Heimweg herhalten. Das volle Programm. Porzellanmanufaktur, neun Euro Eintritt und 30 Japaner vor uns in der Schlange. Nein, Danke. Stadtrundfahrt, fünf Euro, angeblich aber nur etwas für Lauffaule und Gehbehinderte. Wir verzichten.

Bei Kai Kunath habe ich mich dann aber doch noch festgebissen.
Kai hat ein Antik-Porzellan-Geschäft in der Burgstraße, beste Lage für Laufkundschaft, die, den Blick nach oben auf den Domplatz gerichtet, trotzdem die herrlichen Ausstellungsstücke in seinem Schaufenster nicht übersieht. Ein übergroßes, Aquarium-ähnliches Glas-Etwas, gefüllt mit Scherben vom 2010er D-Day in der Porzellanmanufaktur. Damals wurden die herrlichsten Stücke zerschlagen und entsorgt. Platz für Neues, angeblich Besseres, Teureres sollte her.
Kai hat gesammelt und stellt diese heute aus. Scherben, die nichts mehr wert sind und trotzdem uns vor Augen halten, was Menschen in hellen Manufakturhallen erschaffen können.
Leider ging Kai nicht an sein Telefon und der im Laden anwesende Angestellte fühlte sich nicht befugt, mir eine Scherbe zu schenken. Ich wollte sie in meinem Büro neben der Zierurne aus Meißner Porzellan gemeinsam mit seiner Visitenkarte platzieren. Fremdwerbung nennt man das wohl. Aber wie gesagt, ich wollte. Vorbei ist vorbei, Kai.

Gottesdienst in der Domkirche zu Meißen

Gottesdienst in der Domkirche zu Meißen

Immerhin waren Pfarrer Michael Markert (Liturg, Predigt) und an der grandiosen Orgel Kantor i.R. Eberhard Fritzsch pünktlich um 12 Uhr in der Meißner Domkirche vor Ort. Schon allein für diese 50 Minuten hat sich der Trip an die Elbe gelohnt.
Wer es nicht kennt, unbedingt nachholen. Jeden Sonntag high noon für die Dom-Gemeinde. Mangels einer eigenen Stammgemeinde. Was offenbar kein Mangel ist.

Ein kleines Mitbringsel fiel dann doch noch ab, Dimitri Schostakowitschs Puppentanz, gespielt auf dem Porzellanglockenspiel der Meißner Frauenkirche. Da spielt es keine Rolle mehr, ob am Sonnabend die Sonne scheint oder Sonntag leichter Niesel den Domplatz heimsucht.
Der Domplatz, auf dem noch vor wenigen Wochen Ritchie Blackmore seine weiße Stratocaster traktierte. Meißen ist halt zu jeder Jahreszeit eine Reise wert.
Auch am 16. Sonntag nach Trinitatis, dem Sonntag zwischen zwei Ostern.
©casus. 2013.

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