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Neues aus meinem Wahl-Kreis_Episode #1

Grünau-Nord ist ja nicht wirklich der Brüller. Was Wohnqualität und Wohnquantität angeht.
Grünau, der wohl westlichste der Leipziger Satellitenstadtteile.

Einst der Wunschtraum Tausender Leipziger, denn hier entstanden Plattenwohnungen mit Fernheizung, Balkon und bis 5 Etagen ohne Aufzug. Es zogen ja junge Leute ein. Leute, die sich in ihren Betrieben um die Übererfüllung der Produktionsvorgaben verdient gemacht hatten. Leute, die in der Gewerkschaft aktiv für die gleichmäßige Verteilung der Prämien und Urlaubsplätze stritten. Oder einfach Leute, die jemand kannten der jemand kannte.

Heute, 25 Jahre später, hat eine Einwohnerflucht eingesetzt, einhergehend mit Hochhausabriss und Flickschusterei. Straßen, Grünanlagen, Spiel- und Sportplätze werden von den Stadtoberen mit großem Tamtam übergeben, danach vergammeln sie und gehen den Weg aller Graffitiopfer.
Grünau-Nord eben.

Und das ist der Bezirk meiner Wahl. Hier habe ich mein Büro. Die vor allem älteren Bewohner kennen mich, ich kenne sie. Die jüngeren sind meist der Meinung noch etwas Zeit zu haben. Und haben damit auch recht.

Auch Grünau-Nord hat sich an der Landtagswahl beteiligt. Zwar nur mit gut einem Drittel der Wahlberechtigten, wenn man noch die Nicht-Wahlberechtigten abzieht bleiben ganze 20 Prozent Wählende übrig. Davon hat die den Wahlkreis gewinnende Partei auch gut ein Drittel der Stimmen auf sich vereint. Am Ende haben somit rund 8 von 100 Einwohnern den Direktkandidaten gewählt. Wahrhafte Demokratie.

Meine Aussage vor Wochen, Wahlkampf bringt gar nichts, wurde müde belächelt. Letzten Sonntag, 18 Uhr 2, klopften sich dann auch alle auf die Schulter und beglückwünschten sich, indem jeder sein Ergebnis schönrechnete. Auch die Verlierer, also die, die noch weniger als 8 von 100 Leuten überzeugen konnten. Dazu gehört auch der Direktmandatgewinner der letzten beiden Landtagswahlen, Doktor Pellmann. Jeden Mittwoch stand er an vorderster Front im Marktgeschehen am Grünauer Jupiterzentrum. Hat rote Tütchen mit Flyern und Kugelschreibern verteilen lassen und wichtige Gespräche geführt. Dass er dieses mal nicht gewonnen hat, liegt an der bösen Landesregierung. Die hat seinen so gemütlichen Wahlkreis um zwei Landkreise erweitert. Dort wählt man eher machtbesonnen. Herr Pellmann ist also unschuldig. Und nicht mehr im Landtag vertreten. Dort tummelt sich jetzt die altersjüngste Fraktion von allen. Ein Generationswechsel?

in Grünau

in Grünau

Es gibt auch Gutes zu berichten. In Grünau werden Fassaden gestrichen. Weiß. Oder zumindest hell. Und nicht nur mit dunklen kryptischen Schriftzügen. Das hat schon vor der Wahl begonnen und sich von ihr nicht beeinflussen lassen.

Mehr Grünau in Folge 2 demnächst.
Foto und Text: (c)casus. 2014.

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