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‚Lebens-Zeichen‘ Folge 3


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Fritz   1945 – 2016

Fritz wurde 1945 geboren. Noch im Krieg das Licht der Welt erblickend, verbrachte er eine ganz normale Nachkriegskindheit. Mit gleichaltrigen Freunden zog er durch Leipzigs Straßen und machte sie mit ihnen unsicher. Wie Jungs eben so sind. Ab und zu besuchte er – und das sehr gerne – seinen Großvater in Probstheida, der für ihn interessanterweise eine Schmiede betrieb. Nach dem Abschluss der Schule begann er eine Lehre als Dampflokschlosser, die er nach zwei Jahren erfolgreich beendete. In Engelsdorf arbeitete er in diesem Beruf im Reichsbahn-Ausbesserungswerk, im RAW. Sein großer Traum aber war es, eines Tages ein Lokführer zu sein. Um sich diesen Traum erfüllen zu können, musste er sich nicht nur als sehr guter Schlosser bewähren. Man vertraute ihm vorerst die Tätigkeit als Heizer an. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Berufsbegleitend machte er dann tatsächlich eine Ausbildung zum Dampflokführer. 1967 wurde sein großer Traum Wirklichkeit. In diesem Jahr wurde Fritz Lokführer. Er war erst Triebfahrzeugführer, dann Dampflokführer, dann Diesellokführer. Von 1990 bis1992 fuhr er überwiegend E-Loks. Die Zeit der Dampfloks war ja da schon vorüber und die Sprünge des technischen Fortschritts waren bei der Eisenbahn immens.

Mit seinen Kollegen verstand er sich prima, die Eisenbahner gelten ja auch nach außen hin als so etwas wie eine eigene Gilde. Und natürlich gingen die Kollegen auch gerne mal gemeinsam aus. So geschehen auch 1981, als im Stötteritzer Schreberheim eine Rosenmontagparty stattfand. Dort begegnete Fritz zum ersten Mal seiner künftigen Frau Marion. Marion hatte eigentlich gar keine Lust, an diesem Tag dorthin zu gehen, aber es war eine FDJ-verordnete Veranstaltung und sie wurde, wie einige andere Mädels auch, dorthin delegiert. Für Fritz war es eine Art Betriebsfeier. Die Männer von der Eisenbahn gingen dort sehr gerne mal hin. Vielleicht auch einfach, um mal zu schauen, wen man dort trifft und was dann passiert. Fritz passierte an diesem Tag eben … Marion. Sie machte so einen großen Eindruck auf ihn, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte. Aber Marion ging das eher langsam an. Frau kann ja nie vorsichtig genug sein. Doch Fritz hatte es offensichtlich schon auf den ersten Blick sehr ernst gemeint. Fast jeden Tag holte er Marion mit einer roten Rose von Arbeit ab. Das sacht-freundliche Spötteln seiner Kollegen darüber störte ihn nicht im geringsten. Er blieb standhaft und nach und nach war auch Marion doch schwer beeindruckt und verliebt. Dann ging alles sehr schnell. Bereits im selben Jahr zogen die beiden zusammen. Mit der Hochzeit ließen sie sich dann wiederum Zeit. Marion hatte eigentlich gar nicht vor zu heiraten. 1983 fand aber doch endlich die Hochzeit statt. Eine Liebe fürs Leben wurde standesamtlich manifestiert. Kurz zuvor wurde Tochter Beate geboren. Sie heiratete quasi gleich mit. Der sachliche Grund dafür bestand darin, dass die junge dreiköpfige Familie eine Wohnung benötigte und dafür war in der DDR eine Heirat recht nützlich. Fritz konnte es nur Recht sein. Für ihn ging ein weiterer Traum in Erfüllung. Er hätte Marion sowieso am liebsten gleich am ersten Tag der Begegnung geheiratet. Einige Jahre später erweiterte sich das Glück der Familie: 1992 wurde Tochter Nicole geboren.

Die Familie war sehr vielseitig interessiert. Immer wieder waren sie auch in ihrer Freizeit auf Achse. Immer zu dritt, später zu viert. Vor allem nach der Wende, als sich die Grenzen öffneten. Noch mit DDR-Geld in der Tasche ging es auf nach Spanien. Viele ihrer zahlreichen Reisen führten sie nach Skandinavien, wohin es sie fast jährlich lockte. Ein weiterer großer Traum von Fritz war es, einmal die Alpen zu sehen. Dieser Traum wurde auch gleich nach der Wende erfüllt. Das Gebirge hatte Fritz ohnehin sehr gemocht. Auch näher liegende Ziele wurden anvisiert. Fast jedes Wochenende war die Familie irgendwo unterwegs, auf Erkundungsreisen quer durch Deutschland. Viele schöne Orte und Gegenden entdeckten sie, viele Abenteuer konnten sie gemeinsam erleben. Wenn die Reiselust mal etwas sanfter ausfiel, erholte sich die Familie in ihrem Garten. Alles war schön, alles war rund. Eine fröhliche lebenslustige Familie unterwegs durch die Welt. Das ist heute immer noch so und das wird sicherlich auch so bleiben. Auch wenn sich die Familie inzwischen vergrößert hat mit Schwiegersohn Matthias und der Enkeltochter Marie.

An einem Tag im Jahr 1999 wurde mit einem Schlag alles anders. An diesem Tag geschah es, leider nicht zum ersten Mal, dass Fritz einen Selbstmörder überfuhr. Dieses wiederholte Trauma ließ das Fass dieser Erlebnisse bei ihm überlaufen. Er sollte nie wieder Lok fahren können. Er würde auch nie wieder mehr Lokfahrer sein. Der Traum – sein großer Traum – war aus. Er begab sich in psychiatrische Behandlung. Das Leben der Familie veränderte sich mit einem Schlag. Die Leichtigkeit war plötzlich von einem Augenblick zum anderen verflogen. Als hätte jemand eine Uhr angehalten und sie nicht mehr wieder gestellt. Fritz zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Sprechen mochte er mit seiner Familie auch nicht über dieses Trauma. Er war der Meinung, es würde reichen, wenn ihn das allein belaste. Fritz war erst Vorruheständler, dann Rentner aufgrund seiner Erwerbsunfähigkeit. Während die Familie immer daran interessiert war, das „alte“ Leben wieder herzustellen, fehlte Fritz oft die Kraft, diesen so inniglich gewünschten Weg mitzugehen. Auch der Alltag gestaltete sich schwerer.

Einige Lichtblicke gab es aber doch in dieser für alle harten Zeit. Das war vor allem Marie zu verdanken. Das Mädchen schaffte es doch tatsächlich, allein durch ihr Wesen und durch ihre Art, den Opa aus seiner Lethargie herauszuholen, wenn sie mit ihm zusammen war. Als wäre sie der Prinz und er das Dornröschen.

2016 suchte Fritz per Überweisung einen Lungenarzt auf, weil er Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte. Es wurde ein Lungentumor bei ihm diagnostiziert. Einen Tag vor dem geplanten Krankenhausaufenthalt wurde er durch einen Notarzt, der aufgrund heftiger Luftknappheit gerufen werden musste, eingewiesen. Wenige Stunden nach Marions schnellen Besuch bei ihm verstarb er, gebrochen und desillusioniert.

Wenn ein Traum stirbt, wird es leise, ja dunkel. Und mit ihm sterben alle Träume mit. Wie fallende Blätter im Herbst. Der König hat sich schlafen gelegt, der Held, der Träumer, der Mann, der Vater … Sein Lachen schlief.

(c)Andreas Hähle, 2018

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‚Lebens-Zeichen‘ Folge 2


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Rainer   1932 – 2015

Es war ein Leben im Sinne des Gehens auf einem geraden Weg. Etwas, was durch das Leben selbst nicht gelingt, nicht gelingen kann. So entwickelt sich manchmal aus dem Weg eine Struktur, an der man festzuhalten versucht ist, aber auch eine Suche und ein Entdecken. Und aus dem Gehen wird ein Kampf. Ein starker Mensch entwickelt sich so zu einer Kämpfernatur.

In jedem Leben sind Entscheidungen zu treffen, richtige und falsche. Am Ende ist entscheidend, für wen man etwas tut, mit welchem Ansinnen, ob nur für sich oder auch für andere oder nur für andere. Und manchmal auch, wie man etwas tut. Rainer war jemand, der sowohl für andere als auch für sich selbst lebte. Es gab eine ihm innewohnende Liebe, die ihn dabei leitete, von der er nicht ließ, die er aber auch zu seinem Leidwesen und dem der Menschen, die ihn umgaben, manchmal einfach nicht zu zeigen vermochte.

Rainer wurde 1932 im sächsischen Freiberg geboren, wo er in einfachen Verhältnissen aufwuchs und die Schule besuchte. Seine Mutter war Verkäuferin, der Vater arbeitete bei der Reichsbahn. Er war der älteste von drei Brüdern. Jedem dieser Brüder wurden unterschiedliche Talente und Charakterzüge zuteil. Rainer entwickelte sich zu einem rational denkenden und handelnden Menschen; Hans zu einem Künstler; Joachim ist der Natur sehr verbunden. Trotz dieser Unterschiedlichkeiten in den Charakteren war das Verhältnis der Brüder ein sehr enges. Seine empfundene Liebe und Achtung vor den Brüdern konnte Rainer als rationaler Mensch leider nicht immer so ausdrücken, wie er es gewollt hätte, doch man spürte die Emotionen, wenn er über sie sprach. Die Malereien von Hans schmückten seine Wohnung.

Nach dem Krieg musste Rainer schon in jungen Jahren im Haushalt kräftig anpacken und helfen, die Familie in diesen schwierigen Zeiten über Wasser zu halten. Bereits mit 12 Jahren erlernte er jedoch auch das Schachspiel, welches sein Leben fortan mit bestimmen sollte. Bis Ende 2014 spielte er noch aktiv Schach. Ja, noch mit über 80 beteiligte er sich an Turnieren dieses anspruchsvollen Denksports.

 

Nach der Schule absolvierte er die Finanzfachschule in Leipzig. Dem folgte ein Hochschulstudium in Babelsberg. Er war im Rat des Bezirkes Leipzig tätig. Danach arbeitete er als Hauptbuchhalter und Planungsleiter in einem größeren Kombinat. Rainer war in der DDR politisch sehr engagiert, er war Mitglied der SED. Im Zuge der Wiedervereinigung verließ er desillusioniert die Partei, doch blieb er bis an sein Lebensende stark politisch interessiert. Dieses politische Interesse teilte er mit seinem Sohn Klaus. Oft war es eine Grundlage für gemeinsame Gespräche und Diskussionen. Nach der Wende wirkte Rainer an der Abwicklung seines Kombinats mit, bevor er in den Ruhestand ging. Er unterstützte seinen Sohn Klaus in den ersten Jahren nach der Gründung von dessen Firma mit seinen Erfahrungen und durch aktive Mitarbeit. Diese Firma ist heute ein weltweit agierendes Unternehmen.

1954 heiratete er Isolde. In diesem Jahr kam auch Klaus auf die Welt. 1961 folgte die Tochter Antje, 1965 die Tochter Iris. Fünf Enkel wurden inzwischen geboren.

1956 zogen Isolde und Rainer von Großpösna nach Leipzig. Die drei Kinder fühlten sich in dieser Familie gut aufgehoben und geliebt. Klaus konnte bereits mit 5 Jahren bei seinem Vater das Schachspiel erlernen. Auch für ihn war diese frühe Berührung mit Logik und rationalem Denken lebensprägend. Der Vater erschien den Geschwistern mitunter recht ungeduldig und fordernd, was sich wohl darauf zurückführen lässt, dass er alles, was er tat, sehr ernst nahm. Ungeduld mag bei den einen als Charakterstärke empfunden werden, bei anderen als Charakterschwäche. Rainer war ein Mensch, der wusste, was er wollte und auch wusste, was er von anderen erwartete. Für den seelischen Ausgleich braucht man als Pendant zur Ungeduld die Geduld, um daraus etwas Rundes, etwas Ganzes zu schaffen, eine Einheit, eine Familie. Durch Liebe und Hingabe aller beteiligten Personen zueinander. Rainer vermochte es auch immer wieder, aufkommende und im Raum stehende Differenzen durch seinen charismatischen Humor aufzulösen. Sein Interesse an den unterschiedlichsten Brett- und Kartenspielen, seine Zaubertricks und seine Liebe zur Literatur und zur Musik bereicherten das Familienleben. Neben dem Schachspiel interessierte sich Rainer später auch sehr für das asiatische Brettspiel Go. Sein Enkel Steffen schloss tatsächlich ein Go-Studium ab, woran Rainer mit Sicherheit alles andere als „unschuldig“ war. Seine Liebe zu den Büchern prägte alle Kinder. Die Musik bestimmte vor allem Antjes Werdegang. Rainer prägte seine Familie und es ist sicher, dass sehr sehr viel von ihm in den Wesenszügen und in den Vorlieben seiner Nachkommenden weiter gelebt und weiter gegeben wird. Das in einem Leben erreicht zu haben, ist etwas Großartiges und hat eine tiefe Bedeutung in den Herzen, die unvergänglich ist.

1981 ließen sich Isolde und Rainer scheiden. Das Verhältnis beider beruhte jedoch auch danach auf gegenseitigem Respekt. Rainer lebte seitdem alleine. Seine Hauptbezugsperson wurde nun die Tochter Antje, seine Freude die gemeinsamen Musik- und Literaturabende. Als seine Tochter Iris sich entschied, zu ihrem Mann nach Syrien zu ziehen, unterstützte er sie bei der Finanzierung lebenswürdiger Wohnbedingungen. Mit Interesse und Stolz verfolgt er die Entwicklung seiner dort aufwachsenden Enkel.

2005 verstarb Antje durch einen Unfall, ein tragischer Verlust. Für die Eltern zerbrach in diesem Moment nicht nur ein Teil der Welt, sondern die Welt im Ganzen.

Rainer hatte in seinem Leben sehr viel geschafft und erreicht, aber auch sehr viel verloren. Doch hörte er niemals auf zu kämpfen.

Gegen Ende seines Lebens verschlechterte sich Rainers gesundheitlicher Zustand zusehends. Seit einem Schlaganfall hatte er Koordinationsprobleme und Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Beweglichkeit und Selbständigkeit wurden eingeschränkt. Spätere Durchblutungsstörungen in den Beinen machten mehrere operative Eingriffe bis hin zur Amputation erforderlich. Ein Kampf der ganz besonderen Art und Härte. 2013 zog er ins  Betreute Wohnen um, wo er sich sehr wohl fühlte und seinen Humor an den ihn betreuenden Schwestern testete. Mit Freude erlebte er noch, dass es Iris und ihren Töchtern gelang, das von Krieg überzogene Syrien zu verlassen und sicher nach Deutschland zurückzukehren. Im Januar 2015 kam er aufgrund von Lungenproblemen erneut ins Krankenhaus. Der anschließende Aufenthalt in der Reha Klinik im September schien erfolgreich. Er spielte dort übrigens – und gewann – seine letzte Schachpartie gegen den Stationsarzt. Doch leider wurden kurz vor der geplanten Entlassung weitere operative Eingriffe erforderlich. Diese schwächten ihn sehr. Auch das Schwanken zwischen Hoffnung und Resignation spielte ihm hart mit. Immer wieder versuchte er sich aufzubäumen und weiter zu kämpfen, wie er es sein Leben lang gewohnt war.

Ende 2015, wenige Tage nachdem er doch noch wieder nach Hause…

(c)Andreas Hähle, 2018

‚Lebens-Zeichen‘ Folge 1


Von Gastautor Andreas Hähle

 

Helene   1929 – 2016

Helene wurde 1929 als Tochter von Charlotte und Karl in Leipzig geboren.
Sie war das zweite Kind der Familie. Ihr älterer Bruder Kurt ist mittlerweile bereits verstorben.

Ihre Kindheit verlief ganz normal für eine Kindheit in ihrer Zeit. Sie wuchs heran, besuchte acht Jahre lang die Volksschule und lebte das damals eben übliche Leben eines Mädchens in Leipzig. Natürlich verbrachte sie auch gerne sehr viel Zeit außerhalb ihrer Familie mit ihren Freundinnen. Zwei dieser Freundinnen leben heute noch. Mit ihnen war sie bis zu ihrem Tod freundschaftlichst verbunden. Eine andere Freundin aus ihrer Kinder- und Jugendzeit war Ursula, die auch leider bereits verstorben ist. Das Haus, in dem Helene aufwuchs, überlebte glücklicherweise die Zerstörungen des Krieges. Die Familie konnte so dort auch nach dem Krieg bleiben, den sie ohnehin unbeschadet und ohne persönliche Verluste überstehen durfte. Die Männer der Familie, Vater Karl und Bruder Kurt, kamen gesund und wohlauf von der Front zurück. Ein Glückssegen lag wohl über dieser Familie in diesen grausamen Zeiten. Nach der Schule absolvierte Helene ein Pflichtjahr auf dem Lande. Ein solches Jahr war damals üblich für die heranwachsenden Kinder dieser Zeit.

1945 nahm Helene eine Lehre als Stickerin auf. In diesem Beruf war sie vielfältig tätig. Mal in einer Firma, mal in Heimarbeit. Anfang der 50er Jahre machten sich bei Helene jedoch Symptome eines Schilddrüsenleidens bemerkbar. Ein Leiden, welches ihr weiteres Leben mitbestimmen sollte, nur war ihr das anfangs natürlich noch nicht klar. 1951 wurde sie deshalb an der Schilddrüse operiert. Bei diesem Eingriff wurde ein Stimmbandnerv verletzt. Dadurch bewahrte sie sich zwar ihre jugendliche Stimme, aber sie litt seitdem fortwährend, mal mehr mal weniger, unter Luftknappheit und Atemschwierigkeiten. Dieses Handicap zog sich durch ihr gesamtes Leben. Eine Beeinträchtigung, die sich hin und wieder in bestimmten Situationen bemerkbar machte. Eine ständige Belastung, die – leider völlig unbeachtet – im Laufe der Zeit auch Einfluß auf die Kraft ihres Herzens nahm. Ansonsten blieb Helene von weiteren beachtenswerten oder erwähnenswerten Krankheiten verschont. Ihr war es immer wichtig und auch vergönnt, das, was ihr Leben war, selbst zu gestalten. Dabei neigte sie auffallend dazu, aus der Not, soweit es eben möglich war, immer eine Tugend zu machen. Eine Eigenschaft, eine Einstellung, die sie ihr Leben lang beibehielt, die einen großen Teil ihrer charismatischen Stärke ausmachte. Manchmal stand da gar keine Absicht dahinter, dann half eben der Zufall etwas nach.

Bei ihrem Krankenhausaufenthalt während ihrer OP war es nicht mal mehr ein Zufall, sondern ein großer positiver Schicksalsfingerzeig. Denn dort lernte sie ihren Walter kennen, der ebenfalls wegen einer anderen Krankheit zu diesem Zeitpunkt dort operiert wurde. Walter kam aus einem kleinen sächsischen Dorf. 1952 zog er zu ihr nach Leipzig, wo der gelernte Bäcker begann, beim Gleisbau zu arbeiten. Im selben Jahr heirateten die beiden. 1953 wurde ihr Sohn Matthias geboren. Bis 1962 lebte die kleine Familie ihren Alltag im Leipziger Osten. Matthias´ Kindheitserinnerungen wurden sogar einmal in der LVZ verewigt, später in einem Buch mit dem Titel „So war das damals …“. Da lässt sich das, was mit Alltag gemeint ist, sehr gut nachlesen und anschauen. 1962 dann verzog die Familie aus ihrer Altbauwohnung in eine neuere Genossenschaftswohnung, wo Helene bis zu ihrem Tod lebte. Nach diesem Umzug begann sie im Geräte- und Reglerwerk Leipzig, der damaligen Elektronik, zu arbeiten. Verantwortlich für die Organisation von benötigten Materialien zur Produktion war sie dort als Disponentin tätig. Diesen Beruf übte sie bis zur Rente aus. Und mit der Rente kam die Wende …

Das Ehepaar führte durch die ersten Jahrzehnte ein ausgesprochen harmonisches und ein eigentlich typisches DDR-Familien- und Eheleben. Alles ging seinen Gang, alles entsprach dem Charakter einer bestimmten Normalität und Stabilität. Selbst der Urlaub führte jedes Jahr in dasselbe Quartier in der Sächsischen Schweiz. Walter ging gerne wandern und die Familie genoss diese Zeit der gemeinsamen Erholung sehr. Vor allem die gemeinsam  miteinander verbrachten ganzen Tage ohne Arbeitsleben. Für Matthias waren sie ein alljährliches willkommenes Abenteuer. Diese Jahrzehnte waren auch eine Zeit der inneren Ruhe. Weder von außen noch von innen strömten Belastungen auf dieses Familienleben ein. Mitte der 70er kam Matthias zur NVA, danach zog er von zu Hause aus. Und bereits 1976 kam das erste Enkelkind, Anja, auf die Welt.

(c)Andreas Hähle, 2018

Neues aus meinem Wahl-Kreis_Episode #1

Grünau-Nord ist ja nicht wirklich der Brüller. Was Wohnqualität und Wohnquantität angeht.
Grünau, der wohl westlichste der Leipziger Satellitenstadtteile.

Einst der Wunschtraum Tausender Leipziger, denn hier entstanden Plattenwohnungen mit Fernheizung, Balkon und bis 5 Etagen ohne Aufzug. Es zogen ja junge Leute ein. Leute, die sich in ihren Betrieben um die Übererfüllung der Produktionsvorgaben verdient gemacht hatten. Leute, die in der Gewerkschaft aktiv für die gleichmäßige Verteilung der Prämien und Urlaubsplätze stritten. Oder einfach Leute, die jemand kannten der jemand kannte.

Heute, 25 Jahre später, hat eine Einwohnerflucht eingesetzt, einhergehend mit Hochhausabriss und Flickschusterei. Straßen, Grünanlagen, Spiel- und Sportplätze werden von den Stadtoberen mit großem Tamtam übergeben, danach vergammeln sie und gehen den Weg aller Graffitiopfer.
Grünau-Nord eben.

Und das ist der Bezirk meiner Wahl. Hier habe ich mein Büro. Die vor allem älteren Bewohner kennen mich, ich kenne sie. Die jüngeren sind meist der Meinung noch etwas Zeit zu haben. Und haben damit auch recht.

Auch Grünau-Nord hat sich an der Landtagswahl beteiligt. Zwar nur mit gut einem Drittel der Wahlberechtigten, wenn man noch die Nicht-Wahlberechtigten abzieht bleiben ganze 20 Prozent Wählende übrig. Davon hat die den Wahlkreis gewinnende Partei auch gut ein Drittel der Stimmen auf sich vereint. Am Ende haben somit rund 8 von 100 Einwohnern den Direktkandidaten gewählt. Wahrhafte Demokratie.

Meine Aussage vor Wochen, Wahlkampf bringt gar nichts, wurde müde belächelt. Letzten Sonntag, 18 Uhr 2, klopften sich dann auch alle auf die Schulter und beglückwünschten sich, indem jeder sein Ergebnis schönrechnete. Auch die Verlierer, also die, die noch weniger als 8 von 100 Leuten überzeugen konnten. Dazu gehört auch der Direktmandatgewinner der letzten beiden Landtagswahlen, Doktor Pellmann. Jeden Mittwoch stand er an vorderster Front im Marktgeschehen am Grünauer Jupiterzentrum. Hat rote Tütchen mit Flyern und Kugelschreibern verteilen lassen und wichtige Gespräche geführt. Dass er dieses mal nicht gewonnen hat, liegt an der bösen Landesregierung. Die hat seinen so gemütlichen Wahlkreis um zwei Landkreise erweitert. Dort wählt man eher machtbesonnen. Herr Pellmann ist also unschuldig. Und nicht mehr im Landtag vertreten. Dort tummelt sich jetzt die altersjüngste Fraktion von allen. Ein Generationswechsel?

in Grünau

in Grünau

Es gibt auch Gutes zu berichten. In Grünau werden Fassaden gestrichen. Weiß. Oder zumindest hell. Und nicht nur mit dunklen kryptischen Schriftzügen. Das hat schon vor der Wahl begonnen und sich von ihr nicht beeinflussen lassen.

Mehr Grünau in Folge 2 demnächst.
Foto und Text: (c)casus. 2014.

»Der (völlig un-)Politische Asche-Mittwoch« Folge 66 ‘2.500 Stadtkilometer – ein Resümee’

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

‚2.500 Stadtkilometer – ein Resümee‘

Die Saison geht langsam zu Ende. Rund zweieinhalb Tausend Fahrradkilometer liegen hinter mir. Arbeitsweg und ein paar Freizeitausflüge. Der Weg zum Büro schlägt dabei mit täglich 30 Kilometer zu Buche, 15 Hin, 15 Her. Außer wenn ich Oma Friedrich* unterm Arm habe, dann kommt der Smart-Bestatter zum Zuge. Und bei Regen aus Gießkannen.

Zeit wird es auch, mit ein paar hartnäckigen Vorurteilen aufzuräumen. Ich kann sie einfach nicht bestätigen.

LKW halten nicht genug Abstand beim Überholen; stimmt soo nicht. Gerade die LKW-Fahrer nehmen mehrheitlich demonstrativ Rücksicht. Fahren geduldig hinter mir her, wenn wir gemeinsam durch Baustellenabsperrungen, Fahrbahneinengungen und Holperbelag auf Leipzigs Straßen unterwegs sind. Ganz anders die vor allem kleineren PKW. Gefühlte 30 Zentimeter Abstand sind keine Seltenheit. Da darf man nicht wackeln oder einem Schlagloch ausweichen.

Fahrradfahrer sind ohne Licht unterwegs; stimmt soo auch nicht. Von ebenfalls gefühlt rund 200 Mit- und Entgegenkomm-Radlern haben höchstens 10 kein ausreichend Licht am Rad. Immer noch zu viel, aber auch an den Kraftfahrzeugen scheint nicht alles, was nach Lampe aussieht. Gerade jetzt in der Herbstzeit ein Unsicherheitsfaktor.

Lichtsignalanlagen steuern einen flüssigen Verkehrsfluss; stimmt – jedenfalls in Leipzig auf der Strecke Ost nach Grünau ganz und gar nicht. Gestern habe ich mitgezählt. Ich bin auf diesen 15 Kilometern in eine Richtung ca. ¾ der Strecke fernab von Autostraßen unterwegs. Nutze abgelegene Rad- und Waldwege, so durchs Leutzscher Holz und die Umgehung nach Grünau am Elster-Saale-Kanal entlang. Trotzdem müssen genau 18 mit Elektrik bestückte Kreuzungen passiert werden. Davon zwangen gestern aufgrund ihrer roten Signalfarbe 13 Ampeln zum Halt und Absteigen. Von den restlichen 5 sind 2 eher selten benutzte Fußgängerüberwege mit manueller Handbedienung, die ohnehin meist nur von sich einen Jux daraus machenden Kindern benutzt werden. Die Erwachsenen gehen einfach bei Rot. Oft genug.
Bleiben 3 grün-leuchtende und damit die Weiterfahrt garantierende Wegbereiter. Ein mieser Schnitt für den Zentralrechner.

Schwimmbadradweg

Schwimmbadradweg

Und – es ist eine Mär, dass Autofahrer mit ihren Fahrzeugen die Fußgänger einsauen. Nein, die Radfahrer spritzen den Pfützeninhalt an die Autos. Basta.
Nach der Saison ist vor der Saison. Es kann noch besser werden.
©casus. 2013
Foto: Ossietzkystraße am 13. November 2013 gegen halb 8. (Ihr könnt die Daten auslesen!)

Das Sterbewerk*_Episode #020 ‘Sterben, von außen gesehen.’

„Die Schlampe ist am Abkratzen. Statt in Urlaub zu fahren, muss ich nun wohl den Sargträger spielen.“
Renate, mit 45 Jahren in der Mitte des Lebens stehend, hört genau diese Worte ihres Schwagers, als sie nach einer Schädeloperation entgegen allen Vorhersagen der behandelnden Mediziner wieder aufwacht. Vielleicht hätten die Männer in Weiß wohl doch etwas mehr Sorgfalt beim Verschluss der Schädeldecke walten lassen und die Naht sauber ziehen sollen, denn auch die Worte des OP-Teams „Wir können provisorisch schließen, den Eingriff überlebt sie nicht.“ hat Renate unmissverständlich wiedergeben können.

Diese Geschichte – in Anlehnung an Jörgen Bruhn, „Blicke hinter den Horizont“ – stimmt nachdenklich. Gibt es tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir kein Wissen, ja nicht einmal den Schimmer einer Vorahnung haben?
So schnell wird das niemand genau sagen können, denn wirklich zurück (!) ist noch niemand gekommen. Glauben wir jedenfalls.

Renate starb vier Tage später dann doch, an den Folgen einer Knochenentzündung aufgrund unsachgemäßer Naht zwischen den Schädelöffnungen. Ein Kunstfehler.

Nadine, Markus und Sabine

Nadine, Markus und Sabine

Diese und andere Erzählungen und Geschichten von Menschen aus Geschichte und Gegenwart haben uns letztlich veranlasst, in der Reihe KULTur im LeipzIGER OSTEN das Thema aufzugreifen, zu analysieren, darüber zu sprechen, mit Erfahrenen und Unerfahrenen und vielleicht einen Denkanstoß zu geben, dass es durchaus real ist, sich Gedanken um das Hier und Jetzt und das Später und Überspäter zu machen.
Ein interessiertes Publikum diskutierte mit Markus Garling vom Netzwerk Nahtod in Leipzig, Sabine Mehne las aus ihrem Buch „Licht ohne Schatten“ und Nadine Maria Schmidt lieferte den musikalischen Rahmen für geschlagene drei Stunden am Samstag-Nachmittag.

Natürlich haben wir das Thema nicht erschöpfend behandeln und ausdiskutieren können und natürlich blieben Fragen und unterschiedliche Sichtweisen. Daran wird sich möglicherweise in den nächsten hundert Jahren auch nichts ändern.
Denn so warm, hell und angenehm dieses Leben zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, hinter dem Leben und vor dem Tod, auch beschrieben wird. Es ist immer das Leben. Vielleicht eine letzte Phase, vielleicht eine unbekannte Ebene. Es ist nicht das Sterben und auch nicht der Tod.
Jeder noch so detailliert beschriebenen Nahtoderfahrung fehlt das wichtigste Merkmal des Todes, die Irreversibilität. Diese Menschen waren keine Sterbenden, denn sie sind alle zurückgekommen oder nie weggewesen. Sterben dagegen ist ein Weg ohne Wiederkehr. (Hans Grewel)

In diesem Sinne, gestalten wir das irdische Leben, damit es irgendwann genau so angenehm ist, wie heute Nahtoderlebende bereits den „Übergang“ beschreiben. Das ist Aufgabe genug – und dann wohl eher das
Sterben, von innen gesehen. (Hampe)
©casus. 2013

Das Sterbewerk*_Episode #018 ‘Das doppelte Lottchen’

Das doppelte Lottchen oder bad‘ zwei in einer Wanne nicht.

Es gibt schooon Berufsgruppen, die jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt werden.
Der Postbeamte, der täglich ein neues Datum stempelt (ja ja, ist alt), die Hebamme, die nie weiß, ob sie ein weißes, ein gelbes oder ein schwarzes Handtuch bereitlegen sollte, der Kriegsminister, der am Morgen noch nicht weiß, ob die Raketen am Abend nicht doch nach Südosten ausgerichtet werden müssen oder auch der Bestattiger, der sich mal eben einen Trauerfeiertermin mit einem Kollegen teilen muss.
Dabei haben mir die Angehörigen der Trauergemeinde heute die tollsten Sachen erzählt und dazu bestimmt in der dunkelsten Ecke der Schublade gekramt. Alle waren versammelt, die Witwe, die Familie, die Freunde, der Pfarrer, der Friedhofsbedienstete, der Herrgott (fürs Wetter verantwortlich) und auch das Harmonium wurde bereits gestimmt. Wer fehlte war der Bestattiger. Muss irgendwo im süddeutschen Raum gewesen sein, ist hier undenkbar!
Am Telefon meldet sich die freundliche mailbox und auch sonst brettert lediglich der Planet auf die zunehmend ungeduldig werdenden Trauerfeier- und Beisetzungsbesucher. Mit dem fehlenden Bestatter war auch die Hauptperson der pikanten Angelegenheit nicht anwesend. Der Verstorbene. Und der ihn beherbergende Sarg.
Als dann doch die Limousine um die Ecke bog, der Sarg in der Trauerhalle platziert war, kam die große Stunde der Angehörigen. Jetzt glaubten Sie gar nichts mehr. Auch nicht, dass Papa Egon tatsächlich in der Holztruhe friedlich gebettet Platz genommen hatte.

FH Kleinzschocher, Kapelle

FH Kleinzschocher, Kapelle

Das die Story, mit der wir uns die Zeit vertrieben bis sich die kommunale Friedhofsverwaltung, die Friedhofsangestellte und der Friedhofsgärtner soweit einigten, unseren schriftlich bestätigten Trauerfeiertermin und die schriftlich bestätigte Urnenbeisetzung fast parallel zur Stillen Beisetzung des Kollegen zu organisieren und durchzuführen.
Das ist leichter gesagt als getan, denn Null Unterlagen auf dem Friedhof involvieren auch Null Grabstelle und Null Urnenaufnahme. Immerhin war schönes Wetter und ein Loch von Durchmesser 30 und Tiefe 80 ist unter diesen Umständen in 5 Minuten ausgehoben.

Pfarrer Holke behielt ebenso die Ruhe wie der vorgeführte Bestattiger.
Was auch anderes blieb uns übrig. Wir organisierten hinter den Kulissen.
Vier Minuten nach 14 Uhr und damit zwanzig Minuten später als geplant gab es für unseren Reisenden kein Zurück mehr, das Grab war geschlossen und die Trauerfamilie zog von dannen Richtung Naddel. Mittagessen. A la carte. Frisch vom Herd.

Es hätte auch unangenehmer ausgehen können.
Es kann immer unangenehmer ausgehen.
Hat es aber nicht. Weil zwei Leute und eine Familie die Ruhe bewahrt haben. Im festen Glauben an den, der uns heute eine besonders schwere Prüfung auferlegte. Er hatte wohl nicht mit der Kraft der Hinterbliebenen gerechnet. Oder gerade?

Und so wurden heute Mittag auf Leipzigs Kommunalem zwei Lottchen gleichzeitig beigesetzt.
Darauf einen Doppelten.
©casus. 2013