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Das Sterbewerk*_Episode #020 ‘Sterben, von außen gesehen.’

„Die Schlampe ist am Abkratzen. Statt in Urlaub zu fahren, muss ich nun wohl den Sargträger spielen.“
Renate, mit 45 Jahren in der Mitte des Lebens stehend, hört genau diese Worte ihres Schwagers, als sie nach einer Schädeloperation entgegen allen Vorhersagen der behandelnden Mediziner wieder aufwacht. Vielleicht hätten die Männer in Weiß wohl doch etwas mehr Sorgfalt beim Verschluss der Schädeldecke walten lassen und die Naht sauber ziehen sollen, denn auch die Worte des OP-Teams „Wir können provisorisch schließen, den Eingriff überlebt sie nicht.“ hat Renate unmissverständlich wiedergeben können.

Diese Geschichte – in Anlehnung an Jörgen Bruhn, „Blicke hinter den Horizont“ – stimmt nachdenklich. Gibt es tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir kein Wissen, ja nicht einmal den Schimmer einer Vorahnung haben?
So schnell wird das niemand genau sagen können, denn wirklich zurück (!) ist noch niemand gekommen. Glauben wir jedenfalls.

Renate starb vier Tage später dann doch, an den Folgen einer Knochenentzündung aufgrund unsachgemäßer Naht zwischen den Schädelöffnungen. Ein Kunstfehler.

Nadine, Markus und Sabine

Nadine, Markus und Sabine

Diese und andere Erzählungen und Geschichten von Menschen aus Geschichte und Gegenwart haben uns letztlich veranlasst, in der Reihe KULTur im LeipzIGER OSTEN das Thema aufzugreifen, zu analysieren, darüber zu sprechen, mit Erfahrenen und Unerfahrenen und vielleicht einen Denkanstoß zu geben, dass es durchaus real ist, sich Gedanken um das Hier und Jetzt und das Später und Überspäter zu machen.
Ein interessiertes Publikum diskutierte mit Markus Garling vom Netzwerk Nahtod in Leipzig, Sabine Mehne las aus ihrem Buch „Licht ohne Schatten“ und Nadine Maria Schmidt lieferte den musikalischen Rahmen für geschlagene drei Stunden am Samstag-Nachmittag.

Natürlich haben wir das Thema nicht erschöpfend behandeln und ausdiskutieren können und natürlich blieben Fragen und unterschiedliche Sichtweisen. Daran wird sich möglicherweise in den nächsten hundert Jahren auch nichts ändern.
Denn so warm, hell und angenehm dieses Leben zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, hinter dem Leben und vor dem Tod, auch beschrieben wird. Es ist immer das Leben. Vielleicht eine letzte Phase, vielleicht eine unbekannte Ebene. Es ist nicht das Sterben und auch nicht der Tod.
Jeder noch so detailliert beschriebenen Nahtoderfahrung fehlt das wichtigste Merkmal des Todes, die Irreversibilität. Diese Menschen waren keine Sterbenden, denn sie sind alle zurückgekommen oder nie weggewesen. Sterben dagegen ist ein Weg ohne Wiederkehr. (Hans Grewel)

In diesem Sinne, gestalten wir das irdische Leben, damit es irgendwann genau so angenehm ist, wie heute Nahtoderlebende bereits den „Übergang“ beschreiben. Das ist Aufgabe genug – und dann wohl eher das
Sterben, von innen gesehen. (Hampe)
©casus. 2013

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Das Sterbewerk*_Episode #018 ‘Das doppelte Lottchen’

Das doppelte Lottchen oder bad‘ zwei in einer Wanne nicht.

Es gibt schooon Berufsgruppen, die jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt werden.
Der Postbeamte, der täglich ein neues Datum stempelt (ja ja, ist alt), die Hebamme, die nie weiß, ob sie ein weißes, ein gelbes oder ein schwarzes Handtuch bereitlegen sollte, der Kriegsminister, der am Morgen noch nicht weiß, ob die Raketen am Abend nicht doch nach Südosten ausgerichtet werden müssen oder auch der Bestattiger, der sich mal eben einen Trauerfeiertermin mit einem Kollegen teilen muss.
Dabei haben mir die Angehörigen der Trauergemeinde heute die tollsten Sachen erzählt und dazu bestimmt in der dunkelsten Ecke der Schublade gekramt. Alle waren versammelt, die Witwe, die Familie, die Freunde, der Pfarrer, der Friedhofsbedienstete, der Herrgott (fürs Wetter verantwortlich) und auch das Harmonium wurde bereits gestimmt. Wer fehlte war der Bestattiger. Muss irgendwo im süddeutschen Raum gewesen sein, ist hier undenkbar!
Am Telefon meldet sich die freundliche mailbox und auch sonst brettert lediglich der Planet auf die zunehmend ungeduldig werdenden Trauerfeier- und Beisetzungsbesucher. Mit dem fehlenden Bestatter war auch die Hauptperson der pikanten Angelegenheit nicht anwesend. Der Verstorbene. Und der ihn beherbergende Sarg.
Als dann doch die Limousine um die Ecke bog, der Sarg in der Trauerhalle platziert war, kam die große Stunde der Angehörigen. Jetzt glaubten Sie gar nichts mehr. Auch nicht, dass Papa Egon tatsächlich in der Holztruhe friedlich gebettet Platz genommen hatte.

FH Kleinzschocher, Kapelle

FH Kleinzschocher, Kapelle

Das die Story, mit der wir uns die Zeit vertrieben bis sich die kommunale Friedhofsverwaltung, die Friedhofsangestellte und der Friedhofsgärtner soweit einigten, unseren schriftlich bestätigten Trauerfeiertermin und die schriftlich bestätigte Urnenbeisetzung fast parallel zur Stillen Beisetzung des Kollegen zu organisieren und durchzuführen.
Das ist leichter gesagt als getan, denn Null Unterlagen auf dem Friedhof involvieren auch Null Grabstelle und Null Urnenaufnahme. Immerhin war schönes Wetter und ein Loch von Durchmesser 30 und Tiefe 80 ist unter diesen Umständen in 5 Minuten ausgehoben.

Pfarrer Holke behielt ebenso die Ruhe wie der vorgeführte Bestattiger.
Was auch anderes blieb uns übrig. Wir organisierten hinter den Kulissen.
Vier Minuten nach 14 Uhr und damit zwanzig Minuten später als geplant gab es für unseren Reisenden kein Zurück mehr, das Grab war geschlossen und die Trauerfamilie zog von dannen Richtung Naddel. Mittagessen. A la carte. Frisch vom Herd.

Es hätte auch unangenehmer ausgehen können.
Es kann immer unangenehmer ausgehen.
Hat es aber nicht. Weil zwei Leute und eine Familie die Ruhe bewahrt haben. Im festen Glauben an den, der uns heute eine besonders schwere Prüfung auferlegte. Er hatte wohl nicht mit der Kraft der Hinterbliebenen gerechnet. Oder gerade?

Und so wurden heute Mittag auf Leipzigs Kommunalem zwei Lottchen gleichzeitig beigesetzt.
Darauf einen Doppelten.
©casus. 2013