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Das Sterbewerk*_Episode #026 ‘Unter Brüdern wär das nicht passiert.’

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

 

Der Tod und das Mädchen
(Eduard Claudius)

Das Mädchen:
Vorüber! Ach, vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

 

Mutti und Vati haben ihr Leben lang knochenhart gearbeitet.
Die Kindheit im Krieg verbracht, als Jugendliche aus Trümmern eine neue Heimat aufgebaut und als diese erste Früchte abwarf, haben verknöcherte Alte dem Land gesellschaftlichen Stillstand verordnet.
Man richtet sich ein in einer abgeschotteten, kleinen Welt. Abgeschottet von den Unbilden des geopolitischen Universums und abgeschottet von den zuckersüßen Bananenrepubliken.
Frag einen Affen auf seinem Planeten, was er unter Menschen vermisst hat?

Es sind die selbstverständlichen Alltäglichkeiten, mit denen man in meinem Beruf konfrontiert wird. Gestern, heute, sicher auch morgen.
Als die Bananen ins Land kamen, rückten in ihrem Schatten auch die lichtscheuen Elemente nach. Eine physikalische Binsenweisheit; je größer die Versuchung desto breiter der Schatten desto zahlreicher der Aufmarsch. In der zufriedenen Welt fegte plötzlich der verlockende Westwind, während sich kühle Ostwinde schon am Ural abregneten.

Neue Bedingungen schufen neue Belastungen. Die Eltern fühlten sich überfordert; das Misstrauen blieb, wuchs und gewann die Oberhand. Gegenüber den neuen Göttern, den neuen Lenkern, den neuen Verhältnissen und letztlich auch gegenüber den beiden Töchtern, die sich schneller zurechtfanden und die Eltern mitnehmen wollten. So hatten Haus, Hof und Garten keine Chance, mit hinüberzuwachsen. Der verordnete Stillstand wurde ungewollt übernommen und bis auf notwendige Erhaltungen konservierten sie das 60er-Jahre-Flair.
Erst als die biologische Schulmedizin ihr Recht einforderte, Mutti zog zu ihren Eltern, Vati ist allein zu Haus, erst dann sind sie wieder aktuell, die Ängste um das wenige Hab, das wenige Gut und das Danach. Doch der Wille verblasst. Das Fleisch lässt nicht los, der Geist aber wird schwach. Ein langes Leben droht einem kurzen Hauch zu erliegen.
Und nichts ist geklärt!

Den Töchtern hat er hinterlassen, Haus und Andenken zu bewahren. Doch Töchter sind Töchter und haben ihre Vorstellungen. Die Ältere stellt eigene Ansprüche zurück, hilft hier, tut da. Umsonst. Die Jüngere erliegt den süßen Verlockungen der Schattenkrieger.
Es kommt wie es kommen musste.

Unter Brüdern wär das nicht passiert.
©casus. 2014

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Das Sterbewerk*_Episode #006 ‚Vorsorge‘

“Aus dem Leben eines Taugewas –
Die un.heimlichen Geschichten des Gordon Blö”

Erich Loest wird überbewertet.
Habe ich kürzlich in einem blog geschrieben und bezog mich dabei zwar auf den allgemeinen Umgang mit dem Schriftsteller, konkret ging es aber um seine Worte aus dem Roman „Nikolaikirche“: …“Die Stadtluft hatte einen Geschmack angenommen, der aus verschwelter schlechter Kohle, aus faulenden Dächern und Balkonen, aus dem Salpeter hinter dem bröckelnden Putz und den Schwaden der Zweitakter zusammengesetzt war.“
Auch wenn ich nach wie vor den Hut ziehe vor Loests Lebensleistung, seine unerbittliche Vergangenheitskritik ohne Wohlfühlschlupfloch geht mir auf den Senkel.
Ich hab dann noch ergänzt, dass „ich befürchte, es ist heute schwieriger eine realistische Geschichtsbetrachtung anzumahnen, man gerät zu schnell in die Ewig-gestrig-Sein-Ecke. Das wäre dann unzutreffend.“

Viele Menschen aus dieser ’stinkenden Dreckschleudergesellschaft‘ sind heute hochbetagt und sehen diese Zeit der materiellen Entbehrung und sozialgesicherten Offenbarung durchaus differenzierter. Und sie handeln.

In Anbetracht des nahenden Lebensendes treffen sie Vorsorge „für die Zeit danach“. Denn der sie jetzt umgebende Staat und das ihm immanente gesetzliche und private Versicherungswesen haben sich aus dieser Verantwortung 2004 mit der Streichung des Sterbegeldes verabschiedet. Die Folge sind u.a. zunehmende Sozialbestattungen, verbunden mit einem oft unwürdigen staatlichen Geschacher um Bedürftigkeit und Angemessenheit. Hinter deutschen Behördenschreibtischen wird festgelegt, was Hinterbliebene unter angemessen und würdig zu verstehen haben; von den stark abweichenden regionalen Vorstellungen ganz zu schweigen.

Nach langem Tauziehen – und ich meine da durchaus das Ziehen am gleichen Strick, nur in unterschiedlicher Richtung – hat im Februar das Oberverwaltungsgericht in Münster ein richtungsweisendes Urteil gesprochen. Wenn auch schwer vorstellbar in Anbetracht der sonstigen Rechtssprechung, könnte damit das Ende der unseligen Sozialbestattungen eingeläutet werden. Die Richter in NRW haben allgemeingültige Richtlinien formuliert und Vorsorgenden und Hinterbliebenen einklagbare Richtwerte in die Hand gegeben.

Das Urteil basiert auf einem 3-Säulen-Modell als Berechnungsgrundlage:

„- (dass) die ausschließliche Zweckbestimmung von dem (hier:) Heimbewohner eindeutig und für ihn verbindlich getroffen,
– der diesbezügliche Vermögensteil aus dem übrigen Vermögen eindeutig ausgegliedert und
– die Zweckbestimmung in einer zum Nachweis geeigneten Form textlich niedergelegt worden ist.“ (aus Beschluss Az. 12 A 1255/12, OVG Nordrhein-Westfalen, 27. Februar 2013)

Konkret hatte eine Heimbewohnerin geklagt, die behördlich verfügt ihre Bestattungsvorsorge in Höhe von 6.000€ auflösen und dem täglichen Lebensunterhalt zuführen sollte.

Tipp: Der gesamte Gesetzestext kann in unseren Filialen und online zum Beispiel hier -> http://www.openjur.de nachgelesen werden.

Dem aufmerksamen Leser wird ein weiteres Mal nicht entgangen sein, wie wichtig gerade hier eine persönlich fixierte Vorsorgeregelung sein kann, wenn man nicht riskieren will, anonym und fernab jeglicher Selbstbestimmung auf amtlichen Wege verschachert beigesetzt zu werden.

Meine Rede.
(c)casus. 2013